Partymeile in Friedrichshain-Kreuzberg : Mit Pantomime gegen Lärm und Müll

Leute, über euch wohnen Menschen und die Zigarette gehört nicht auf den Boden! Freitagabend begann in der Simon-Dach-Straße ein Pilotprojekt, bei dem Pantomime gegen die Ballermannisierung von Berlin angehen sollen.

Im Simon-Dach-Kiez startete Freitagabend eine Pilotaktion, bei der Pantomime die Feiernden zu mehr Rücksicht auf die Anwohner bewegen sollen.
Ibn der Simon-Dach-Straße startete Freitagabend eine Pilotaktion, bei der Pantomime die Feiernden zu mehr Rücksicht auf die...Foto: Jörg Carsten/dpa

Mit ihren kalkweißen Gesichtern und ebenso farbloser Kleidung sind sie unübersehbar im Berliner Nachtleben. Ein Trupp Pantomime-Künstler spaziert durch die beliebte Partygegend in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain. Die Blicke der Gäste in den voll besetzten Straßencafés ziehen sie sofort auf sich. Ihre kurzen Performances mit Mini-Kopfkissen und Taschenlampen an den Tischen vermitteln eindeutige Botschaften: Leute, über euch wohnen Menschen! Was macht der Kaugummi da auf dem Boden? Junge Frau, gehört die Kippe nicht eher in diese Mülltonne? Natürlich sagen sie dabei aber selbst kein Wort. Es ist ein Pilotprojekt, für das der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Clubbetreiber, Gastronomen und Hoteliers am Freitagabend den Startschuss gegeben haben: gegen Lärm und Müll auf den Partymeilen. Kreativ soll es die große Zahl Feierwütiger auf die Bedürfnisse der Anwohner hinweisen.

In Berlin kann man alles machen

Angelegt ist es zunächst bis Mitte Juli. An Wochenendnächten heißt es dann für die geschulten Künstler: Kontakt aufbauen zu Störenfrieden. Und das bis 4.00 Uhr morgens. „Man fängt durchaus an, das eigene Verhalten anders zu sehen“, sagt eine der jungen Frauen in einer Cocktailbar nach der Begegnung mit den Künstlern. „In Berlin denkt man eben, man kann alles machen.“ Ins Epizentrum des Berliner Partytourismus machen sich die Künstler nicht alleine auf. Geschulte, mehrsprachige Begleiter sind an ihrer Seite: Sie verteilen Flyer und erklären, wenn nötig sogar auf Japanisch, was es mit der Aktion „fair.kiez“ auf sich hat. „Auf Volltrunkene zugehen oder in Konflikte eingreifen - dafür sind wir aber nicht die richtigen“, schränkt einer der Mediatoren ein. Alle der Ausgewählten sind jung und szeneaffin, betont Projektkoordinatorin Malena Medam. Denn wie das Ordnungsamt möchten die Teams nicht rüberkommen - so zeigt sich auch Kathrin Klisch, die Zuständige beim Bezirk, glücklich über den Schulterschluss mit den anderen Partnern. So etwas sei anderswo nicht gelungen, betont sie. Der Bezirk hatte analysieren lassen, wie andere europäische Städte gegen solche Probleme vorgehen. Pantomime habe es etwa in Paris gegeben.

Auch im Szene-Kiez wohnen Menschen

Im Simon-Dach-Kiez jedenfalls sorgt das Team, wohl auch wegen des großen Presseaufgebots, für verdutzte, teils auch rote Gesichter. Die Künstler halten ihnen den Spiegel vor, geben vor laut zu lachen oder sich auf die Schenkel zu klopfen. Einige Passanten zücken schließlich ihre Smartphones, machen Fotos.

Man habe den Gästen zeigen können, dass auch in einem belebten Kiez Menschen zu Hause seien, sagte Club-Commission-Sprecher Lutz Leichsenring am nächsten Morgen. Die Interaktion sei sehr lebendig und positiv gewesen. „Jetzt müssen wir herausfinden, wann genau wir in Zukunft losziehen und wie wir im Einzelfall reagieren.“ Nur auf die oft gestellte Frage nach den Kosten des Vorhabens reagiert Leichsenring gereizt: Rund 50.000 Euro bezahlt der Bezirk, noch einmal so viel kommt aus EU-Töpfen hinzu. „Wir sollten hoffen, dass die lärmbedingten Polizeieinsätze abnehmen. Letztlich zahlt auch die der Steuerzahler.“ (dpa)

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