Berlin : „... und heißest eine Christin“

Streit um die Mendelssohns als Mittelpunkt der Jüdischen Kulturtage

Claudia Keller

Ein rosa Kranich auf blauem Grund ist das Symbol der diesjährigen Jüdischen Kulturtage. Er ist das Wappentier der Familie Mendelssohn, die mit Ausstellungen, Vorträgen und Konzerten das zentrale Thema der Kulturtage ist – sehr zum Missfallen etlicher Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. „Ich finde es sehr eigenartig, dass man ausgerechnet eine Familie in den Mittelpunkt stellt, von der die Mehrheit der Angehörigen zum Christentum konvertierte“, sagt Alexander Brenner, bis vor einem Jahr Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

„Die Mendelssohns haben Großes im Geistesleben, in Kunst und Wirtschaft hervorgebracht“, meint dagegen sein Nachfolger Albert Meyer. „Sie stehen für Weltoffenheit, Toleranz und das Vertrauen auf den freien menschlichen Geist.“ Die Mendelssohns, die sich nach der Taufe der Kinder Felix, Fanny, Rebecka und Paul 1816 Mendelssohn-Bartholdy nannten, hätten sich nicht mit den engen Grenzen ihrer Herkunft begnügt, sondern sich den Herausforderungen der Zeit gestellt. Meyer sieht darin einen „Pragmatismus, der sich im Miteinander der Konfessionen bewährte“, und fragt im Programmheft: „Ein Modell für uns alle?“

Ein ausgestopfter Kranich steht in der Ausstellung in der Jägerstraße 51. „Aufmerksamkeit, Verantwortung und Fürsorge gegenüber der Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bestimmten das Handeln der Familie Mendelssohn“, informiert die Schautafel. Da die Taufe vieler Familienmitglieder schon so lange zurücklag, galten die meisten Mendelssohns später den Nazis nicht mehr als Juden. Einige Familienmitglieder dienten in der Wehrmacht.

Im Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße wurde für die Kulturtage das Musikzimmer Fanny Hensels nachgebildet, der 1847 verstorbenen Komponistin. Zu ihrer Einsegnung hatte ihr Vater, der Bankier Abraham Mendelssohn, geschrieben: „Wenn Du das unermessliche Gute, das sie Dir mit steter Aufopferung und Hingebung erwiesen, erwägst und dann in Dankbarkeit, Liebe und Ehrfurcht Dir das Herz auf- und die Augen übergehen, so fühlst Du Gott.“

Und ein paar Zeilen weiter: „Die Form ist geschichtlich und wie alle Menschensatzungen veränderlich. Vor einigen tausend Jahren war die jüdische Form die herrschende, dann die heidnische, jetzt ist es die christliche. Du hast durch Ablegung Deines Glaubensbekenntnisses erfüllt, was die Gesellschaft von Dir fordert, und heißest eine Christin.“ Sich zu öffnen sei ja richtig, sagt Isaak Behar, Holocaust-Überlebender und einer der Gemeindeältesten der Jüdische Gemeinde, „aber die Frage ist doch, wie weit?“ Die deutschen Juden hätten es schon immer besonders eilig gehabt, sich zu assimilieren. Das sei aber nie von Vorteil gewesen. Dass die Mendelssohns im Zentrum der Kulturtage stehen, ist für ihn ein weiteres „Mosaiksteinchen“ zu einer zu großen Liberalisierung der Gemeinde. „Problematisch“ findet auch Rabbinerin Gesa Ederberg, dass die Wahl ausgerechnet auf die Familie Mendelssohn fiel. Andererseits sei die Frage der jüdischen Identität eben immer auch eine Frage der jüdischen Grenzgänger.

Der liberale Rabbiner Walter Rothschild verteidigt die Mendelssohns: „Sie sind ein Teil der deutsch-jüdischen Geschichte. Dass sich viele Juden assimiliert haben, ist eine Tatsache. Man kann nicht so tun, als gäbe es diesen Teil der Geschichte nicht.“ Rothschild sieht außerdem einen Bezug zur aktuellen Debatte um die Integration der Muslime. Heute wie vor 150 Jahren gehe es um Sprache, Kultur und Religion. Die Mendelssohns hätten sich integriert. Nichts anderes werde jetzt von den Muslimen gefordert.

Die Ausstellung im Mendelssohn-Stammhaus an der Jägerstraße 51 in Mitte ist bis zum 12.Dezember zu sehen, montags bis sonntags, 12 bis 19 Uhr. Das Fanny-Hensel-Zimmer im Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28, bis 3.Dezember, sonntags bis donnerstags 10 bis 18 Uhr. Freitags 10 bis 14 Uhr. Eintritt frei.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben