Berlin : 0.03 – mit der Lizenz zum Schreien

Berlins Neujahrsbaby kam kurz nach Mitternacht. Alle Kliniken sagen, das neue Elterngeld habe Geburtstermine nicht beeinflusst

Ingo Bach

Ganze drei Minuten entschieden darüber, ob Svitlana Schifelbein zwei Jahre lang das alte Erziehungsgeld erhält oder das neue Elterngeld, das sich nach dem Einkommen bemisst. Um drei Minuten nach Mitternacht kam ihr Junge auf die Welt – im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede. Der mit 4080 Gramm Gewicht und 51 Zentimeter Größe stramme, noch namenlose Bursche ist damit das erste Baby, das im Jahr 2007 in einem Berliner Krankenhaus zur Welt kam.

„Die Eltern wurden gleich zweimal überrascht“, sagt Hebamme Hedwig Licht. Zum einen vom Termin so knapp im neuen Jahr und zum anderen vom Geschlecht ihres Kindes. Denn sie waren sicher, ein zweites Mädchen zu bekommen. „Wir hatten uns schon einen schönen Namen überlegt: Warwara“, sagt Svitlana Schifelbein, die vor sechs Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam und mit ihrem Mann in Potsdam lebt. Einen Jungennamen haben sie noch nicht gefunden. „Dafür bleibt uns ja auch noch genug Zeit“, sagt die Mutter.

Die Schwester des Neugeborenen kam übrigens auch zum Jahreswechsel zur Welt, am 31. Dezember 2003 um 21.30 Uhr. Und auch damals war es die heute 61-jährige Hebamme Licht, die dem Kind auf die Welt half.

Schifelbeins Sohn kam ganz normal zur Welt. „Eigentlich war der Termin am 20. Januar“, sagt die Hebamme. „Aber dann setzten am Sonntagabend die Wehen ein.“ Alles sei glatt verlaufen, und um kurz nach Mitternacht war der Kleine da. Vier Minuten früher und die Eltern hätten sich über 3600 Euro mehr vom Staat freuen können. Denn Svitlana Schifelbein ist Hausfrau und hätte die 300 Euro des alten Erziehungsgeldes dann 24 Monate bekommen statt jetzt nur ein Jahr lang. „Das ist mir egal“, sagt die Mutter. „Hauptsache mein Sohn ist gesund.“

Exakt eine Stunde später erblickte die kleine Inka Angelina im Auguste-Viktoria-Klinikum von Vivantes in Schöneberg das Licht der Welt – das erste Berliner Mädchen des neuen Jahres. Inka Angelina ist 49 Zentimeter lang und wiegt 3200 Gramm.

Dass viele Eltern bei Geburten um den Jahreswechsel mit dem Taschenrechner hantiert hätten, um herauszufinden, wie viel sie nun vom alten Erziehungsgeld oder vom neuen Elterngeld profitierten, kann Vivantes-Sprecher Uwe Dolderer nicht bestätigen. Am letzten Tag des alten 2006 seien im Übrigen in den Vivantes-Kliniken genauso viele Kinder zur Welt gekommen, wie ein Jahr zuvor: 21. Und am Silvester-Tag 2004 seien es 22 gewesen. Normaler Durchschnitt also.

Wenn überhaupt, dann hätten Eltern das Erziehungsgeld nur in Ausnahmefällen thematisiert, heißt es übereinstimmend in den meisten Berliner Geburtskliniken. Zwar habe es schon ein paar Frauen gegeben, die sagten: Ach, es wäre doch schön, wenn mein Kind noch bis zum 1. Januar warten könnte, sagt Holger Jank, Arzt im Kreissaal des DRK-Klinikums in Westend. „Aber keine hat uns darum gebeten, die Geburt hinauszuzögern, weil sie durch die Berichte in den Medien wussten, dass wir so etwas ablehnen würden.“ Und die Manipulation der Geburtsurkunde sei schlichtweg unmöglich, selbst, wenn es sich nur um wenige Minuten um Mitternacht herum handeln würde, sagt Jank. Denn bei der Geburt werden auch die Herztöne des Babys überwacht. Das Gerät dokumentiere automatisch die genaue Uhrzeit.

Im St. Joseph-Krankenhaus in Tempelhof war eine Schwangere regelrecht in Angst, dass ihr Kind vor dem 1. Januar zur Welt kommen könnte. Der Arzt habe ihr zu einem Entspannungstee geraten, heißt es aus dem Kreissaal. Und im Sana-Klinikum in Lichtenberg sagen sie, es hätten sich „erstaunlich wenige“ Schwangere Gedanken über die finanziellen Auswirkungen des Geburtstermins gemacht. „Das liegt vielleicht auch daran, dass bei uns viele Hatz-IV-Empfängerinnen gebären, die nichts vom neuen Elterngeld haben“, sagt eine Schwester. Außerdem sei die Gesundheit des Kindes den Eltern viel wichtiger als alles Geld.

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