[Kommentare: 7]

1. Mai

Jetzt diskutieren Sozialisten über Umgang mit Radikalen

Linken-Politiker, der Autonomenzug anmeldete, stößt auf Unverständnis, erhält aber auch auch Zuspruch. Jermak selbst meint, die Polizei sei Schuld an der Eskalation.
Anzeige
Bild vergrößern
In der Linken gibt es kontroverse Ansichten über den Umgang mit einem jungen Parteifunktionär, der eine nicht unwichtige Rolle bei der Eskalation der Gewalt im Rahmen einer Autonomen-Demonstration am Abend des 1. Mai gespielt hat. Die Demonstration war angemeldet worden vom Linken-Politiker Kirill Jermak, der für die Regierungspartei als Verordneter in der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg sitzt. Während sein Vorgehen von führenden Linken-Politikern scharf kritisiert wurde, nahmen andere Parteifreunde Jermak in Schutz.

„Er hat ein paar unglückliche Äußerungen gemacht“, sagte die Abgeordnetenhauspolitikerin Evrim Baba, die im Fraktionsvorstand der Linken sitzt und stellvertretende Linken-Chefin in Lichtenberg ist. Das bezieht sie auf Behauptungen Jermaks, in der Berliner Polizei gebe es einen „faschistischen Korpsgeist“. Dennoch sei Jermak „nicht der Hauptschuldige“ für die Eskalation in Kreuzberg. „Dazu hat auch die Polizei beigetragen, die unverhältnismäßig hart vorgegangen ist.“ Baba selbst berichtet, am 1. Mai tagsüber bei einer Sitzblockade gegen einen NPD-Aufmarsch von Polizisten „brutal weggezerrt“ worden zu sein und einige Blutergüsse davongetragen zu haben. Sie kritisiert den „massiven Einsatz physischer Gewalt“. Äußerungen, die CDU-Innenpolitiker Robbin Juhnke am Sonnabend als „unerträglich“ bezeichnete. Für ihn zeigen Babas Worte, „dass hier die notwendige Distanz zu den Krawallmachern offensichtlich fehlt“.

Was den Autonomen-Aufmarsch am Abend des 1. Mai angeht, schlossen sich allerdings die meisten Linken-Politiker der Sicht des Parteichefs Klaus Lederer an, der bereits vor der Krawalldemo kritisiert hatte, dass sein Parteifreund Jermak den Aufzug angemeldet hat. „Wir haben die Demonstration nicht unterstützt, das war seine Privatsache“, sagte am Sonnabend der Linken-Abgeordnete Steffen Zillich. Er und viele Parteifreunde denken, dass Jermak von linksautonomen Randalierern instrumentalisiert wurde. „Darüber werden wir mit ihm reden, man muss nicht jede Dummheit wiederholen.“ Das sieht auch die Linken-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch so: „Wir werden uns gründlich und deutlich mit ihm auseinandersetzen“, kündigte die Lichtenberger Parteivorsitzende an. Jahrelang habe die Linke in Kreuzberg versucht, auf einen friedlichen 1. Mai hinzuwirken. „Diese Erfahrungen dürfen wir jetzt nicht aufs Spiel setzen.“ Einen Parteiausschluss oder ähnliche drastische Maßnahmen schlossen Lötzsch und andere Funktionäre aber aus.

Generell auf Distanz zum linksradikalen Spektrum will die Regierungspartei nach der Eskalation nicht gehen. „Es gibt in der Linken ein lange Tradition, Demonstrationen anzumelden, die dem radikalen Spektrum zuzuordnen sind“, sagt die Kreuzberg-Friedrichshainer Linken-Bezirkschefin Halina Wawzyniak, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei ist. „Es spricht nichts dagegen, auch künftig solche Demonstrationen anzumelden, aber dann muss man sicherstellen, dass man auf den Verlauf Einfluss hat – daran müssen wir arbeiten.“

Jermak selbst zeigte sich von der Kritik seiner Parteifreunde unberührt. Die Eskalation erklärt er allein mit einem „martialischen Angriff der Bundespolizei“ sowie mit der angeblichen Weigerung der Polizeiführung, mit ihm als Demonstrationsveranstalter zu kommunizieren. „Der Fehler liegt nicht bei uns“, sagt Jermak.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.05.2009)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Ausstellung:

Poth für die Welt
Last Exit Sossenheim: Dieses Jahr wäre Chlodwig Poth 80 geworden. Das Frankfurter Caricatura-Museum ehrt den Zeichner mit einer Ausstellung.

J.M. Coetzees „Sommer des Lebens“:

Mein Name sei Avatar

Gipfeltreffen:

Machtkampf beim DFB beigelegt
Der Streit zwischen der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft und der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes ist offiziell beendet. Nach der Unruhe der vergangenen Tage erklärten alle Beteiligten, dass man für den Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM an einem Strang ziehen werde.

Umstrittene Trainer:

Löw ist nicht allein

Kommentare [ 7 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von unbekannt | 3.5.2009 11:34 Uhr
Tja,
bei manchen Menschen ist Denken eben Glückssache. Solange man einer Gruppe angehört und weiß wo der Feind steht, auf den man den Stein zu schmeißen hat ...

Die Purchen vom Suizidkommando mit heldenhaftem Einsatz für die bessere Welt: Was hat das Schweinesystem eigentlich für uns getan?
Comment
von psychonaut psychonaut ist gerade offline | 3.5.2009 12:02 Uhr
Zwietracht bei der Linkspartei
Die Berichterstattung zeigt eine Spaltung in der Partei. Dennoch meine ich, daß Frau Baba, MdA die Sachlage richtig beobachtet hat. Ihre Feststellungen sind nicht als eine Parteiergreifung zugunsten der linken Demonstranten auszulegen. Das halte ich für unfair.
Comment
von uwemohrmann uwemohrmann ist gerade online | 3.5.2009 14:35 Uhr
tja
wer solch Ansichten hat, hat m.E. in einer demokratischen Partei, die die Linke ja sein will, nichts zu suchen. Oder ist er so dämlich? Dann hat er wohl auf dem Posten, den er hat erst recht nichts zu suchen.Verstehe die Rumeierei der Linken nicht wirklich und habe auch kein Verständnis für irgendwelche Hinhaltetaktiken.
Comment
von phantomias phantomias ist gerade offline | 3.5.2009 16:22 Uhr
Ehrlich
Herr Jermak vertritt seine ehrliche Meinung, das ist auch richtig. Die anderen Linken-Politiker, die zwar mit den Autonomen sympathisieren dies aber öffentlich nicht zugeben, Verhalten sich hingegen nach den bekannte politischen Mustern - eben ein wenig heuchlerisch.

Die Linkspartei profitiert von solchen Krawallen, solange sie auch nur entfernt einer sozialen Schieflage zugeschrieben werden können. Und nicht zufällig wurde die Diskussion um angebliche soziale Unruhen vor dem 1. Mai bewusst platziert.

Leider sind die Chaoten aber mittlerweile so offensichtlich nur von destruktivem Charakter, dass der Schuss nach hinten losgehen kann. Da lässt die offene Solidarisierung von Herrn Jermak wenigstens die Brücke zu den linken Gewalt- und Schlägertrupps offen. Und offiziell kann man sich ja abwenden.
Comment
von giselamittruecker giselamittruecker ist gerade offline | 3.5.2009 18:14 Uhr
Wenn ein Linkspartei-Politiker ...
... im Linkspartei-regierten Berlin eine gewalttätige Demo anmeldet, übt dann eigentlich nur die Polizei staatliche Gewalt aus oder wird hier auf der anderen Seite staatlich veranlasste Gewalt gegen die Polizei ausgeübt?
Comment
von lw lw ist gerade offline | 3.5.2009 20:13 Uhr
Mitschuld
Es ist schon schlimm genug, daß ein PDS/SED Politiker öffentlich zu diesen Gewaltätigkeiten seine Meinung über das Verhalten der Polizei äußern darf. Ihre Zeitung, die die LInksextremisten hofiert, trägt indirekt schuld an diesen Ausschreitungen. Ich wäre erstaunt, wenn einer der rechten Politiker auch zu Wort käme, wenn "Randalierer" deren Demo attackieren. Wieder wird mit zweierlei Maß berichtet und gemessen. Heute ist "Welttag der Pressefreiheit". Sie haben noch viel dazu zu lernen.
Comment
von peterchen peterchen ist gerade offline | 4.5.2009 8:49 Uhr
Das Wahlprogramm der Linken einmal anders...
Eine Partei, die sich weigert, sich eindeutig von Veranstaltern von Krawalldemos und Gewalttaten zu distanzieren, weil die Anmeldung von Krawalldemos ihrer langen Tradition entspräche, dokumentiert ihr wahres Wahlprogrammm.
Sie benötigen keine Plakate mehr - das Handeln spricht eine eindeutige Sprache.
Der friedfertige und um das Wohl seiner Gesundheit und seines Autos bedachte Wähler wird es danken, eine solche Wahlentscheidungshilfe zu bekommen!

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 31 - 1 = 


Anzeige
Weitere Themen

Das Riesenrad am Zoo klemmt Lesezeichen hinzufügen

Ralf Schönball
Für den Bau des 175 Meter hohen Riesenrads am Bahnhof Zoo fehlen den Investoren ... mehr...

Unter Berliner Steuersündern wächst die Angst Lesezeichen hinzufügen

Von Ralf Schönball und Heike Jahberg
UPDATE Nachdem bekannt wurde, dass die ... mehr...

Linksextremer Anschlag auf Bürohaus Lesezeichen hinzufügen

Von Jörn Hasselmann
Am Wochenende zerstörten Unbekannte mehrere Scheiben einer Sicherheitsfirma in ... mehr...

''Viele Priester sind einsam, wütend und verzweifelt'' Lesezeichen hinzufügen

„Nächstenliebe ist auch in der Kirche nicht gerade verbreitet“ Andrea Gensel ... mehr...

Kein Mindestlohn, keine Jobs Lesezeichen hinzufügen

Von Thorsten Metzner
Brandenburgs Landesregierung will die Vergabe öffentlicher Aufträge an soziale ... mehr...
Fotostrecken

Straßenschäden und Schlaglöcher (8 Bilder)

Winter in Berlin (116 Bilder)

Boulevard der Stars (13 Bilder)

Brandanschlag auf Haus der Wirtschaft (5 Bilder)

Neue Uniformen für die Feuerwehr (5 Bilder)

Transmediale 2010 (10 Bilder)
Neues Klinikportal
Immer das passende Berliner Krankenhaus für eine stationäre Behandlung oder einer Krankheit finden.
Ehrenmord
» ERGEBNIS ANSEHEN
---
Unser neuer Service zeigt die Aussichten in allen Bezirken
Anzeige
---
Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de. Diskutieren Sie mit!
Anzeige