Berlin : 1. Berliner Comicfestival: Raus aus der Fan-Ecke

Lars von Törne

Eine Detonation erschüttert das Sony-Center. Das Glasdach zerspringt in tausend Stücke. Flammen schießen in den Himmel über dem Potsdamer Platz. "Oh Scheiße", stammelt ein junger Mann und hält sich schützend die Hände über den Kopf. "Gun" ist sein Spitzname, die Explosion sein Werk. Wie es dazu kam, erzählt der Zeichner Reinhard Kleist in seinem Comic-Buch "Fucked". Es ist eine der bemerkenswerten Neuveröffentlichungen der Independent-Comicszene, die an diesem Wochenende auf dem 1. Berliner Comicfestival vorgestellt werden. Am Sonnabend präsentieren sich im Hof der Kulturbrauerei die wichtigen deutschen Verlage, das Begleitprogramm endet Sonntagabend.

Am Donnerstagabend wurde das Festival mit einer gut besuchten Vernissage eröffnet. In der Ausstellung "Bildsturmtexte" zeigen neun zeitgenössische Zeichner ihre Auseinandersetzungen mit Werken der klassischen Literatur. So hat Lokalmatador Fil "Die Leiden des jungen W." im Stile von "Werner"-Autor Brösel nacherzählt, der Franzose Jochen Gerner nähert sich mit einer Comic-Collage Döblins "Berlin Alexanderplatz".

Wenn das Wetter mitspielt, könnte die Comicschau zum Festival für die ganze Familie werden, hoffen die Veranstalter. Der Eintritt ist frei, an den rund 50 Ständen dürfte für Besucher fast jeden Alters etwas dabei sein. Von Micky Maus bis Manga, von anspruchsvollen Siebdruck-Kunstwerken bis zu gezeichneten Roman-Adaptionen. Etliche Künstler signieren ihre Werke. Und in der "Alten Feuerwehr" werden Zeichentrick- und Animationsfilme gezeigt. Parallel dazu veranstaltet die Neue Gesellschaft für Literatur Vorträge und Arbeitsgruppen, in denen der kulturwissenschaftliche Kontext aufbereitet wird. "Wir wollen zeigen, dass Comics eine ernstzunehmende Literaturform sind", sagt Projektleiterin Mareike Röper.

Viele der Arbeiten, die hier vorgestellt werden, sind eng mit Berlin verbunden. So stellt der neugegründete avant-Verlag mit dem Album "Berlin 1931" eine künstlerisch anspruchsvolle Annäherung an die Weimarer Republik vor. Der abstrakte Malstil der Spanier Raúl und Felipe H. Cavas erinnert eher an Kollwitz, Kirchner und Kokoschka als an klassische Comics. "Wir wollen das Medium Comic aus der Fan-Ecke rausholen und zeigen, dass es auch ganz normale Leser anspricht", sagt Veranstalterin Claudia Jerusalem. "Das ist wie in der Belletristik: Von Schund bis zu anspruchsvollen Sachen ist für jeden etwas dabei."

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