Berlin : 1. FC Union: Das neue Ballhaus des Ostens

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Der Präsident ist guter Hoffnung, der Architekt hat seine Planung unter Dach und Fach, und der normale Fan des 1. FC Union sieht mit einer Mischung aus Unglaube und Wohlgefallen, dass sich rund um die Arena seiner Helden etwas tut: Im Stadion An der Alten Försterei ist der erste kleine Bagger zu besichtigen, an der Rückseite der Tribüne gähnt ein tiefer Graben, der Sprecherturm ist abgebaut, und im letzten Programmheft spielt schon die Zukunftsmusik in diesem "Ballhaus des Ostens". Eine Zeichnung präsentiert die neue Perspektive: Das Stadion hat plötzlich ein Dach über der Sitzplatztribüne, und an allen vier Ecken der Traditions-Arena recken sich mächtige Masten mit gewaltigen Flutlichtstrahlern in den Köpenicker Himmel. 3,4 Millionen Mark ist dem Senat die neue Alte Försterei wert, und der Club schielt natürlich auf die Zweite Bundesliga, die man spätestens am 9. Juni 2001 mit dem letzten Punktspiel gegen KFC Uerdingen feiern möchte. "Die Dinge, die jetzt gemacht werden, sind die Voraussetzung für die Zweite Liga", sagt Union-Präsident Heiner Bertram.

Der Verein konzentriert sich mit den Plänen des Architekten Jürgen Gadow aus Friedenau auf Dreierlei: Überdachung der Tribüne, Errichtung einer Flutlichtanlage und Umbau nach den vom Deutschen Fußballbund vorgegebenen Sicherheitsrichtlinien. Das neue Tribünendach aus Blech ist etwa hundert Meter lang und reicht bis zur vorderen Sitzreihe. In vier Felder der 13 Rahmenbinder, die das etwa sechs Meter hohe Dach stützen, werden Kabinen für den Stadionsprecher, für Radio und Fernsehen "gehängt".

Vierzig Meter hoch werden die vier Masten für die Flutlicht-Batterien, die mit mindestens 800 Lux den Rasen beleuchten, wobei gleich noch einige Strahler den Nebenplatz erhellen. Bis zu zehn Meter tief werden Pfahlfundamente in den Boden gerammt. Präsident Bertram ist zuversichtlich, dass die Düsseldorfer Spezialfirma Hessling die Maste samt Elektrotechnik bis zum 10. Dezember installiert hat - oder, noch besser, schon bis zum Pokalspiel gegen Ulm am 28. oder 29. November. Heinz Hessling: "Es kommt auf die Lieferung von Rohlingen an. Nächste Woche entscheidet es sich, ob wir den kurzen Termin halten können."

Architekt Gadow, der in jungen Jahren für Blau-Weiß 90 gekickt und sich seit dem vorigen Herbst mit der Modernisierung der Alten Försterei beschäftigt hat, vergleicht die Arena in der Wuhlheide mit dem Stadion des SC Freiburg: "Auch dort stand ein neues Stadion am Anfang der Karriere des sympathischen Vereins."

Bei der Modernisierung verabreicht der DFB allerdings eine bittere Pille an jeden Union-Fan, der die traditionell lockere Freizügigkeit auf allen Rängen in seinem Stadion immer geschätzt und geliebt hat. Über eine Million Mark müssen "für die Umsetzung eines neuen Sicherheitskonzepts" zur Verfügung stehen. Im Klartext: Die umlaufende Zuschauertribüne wird in vier Sektoren aufgeteilt, die voneinander durch Zäune streng getrennt sind - die Sitzplätze unter dem Tribünendach mit dem VIP-Bereich, der Nordteil hinter dem Tor für den harten Kern der "Eisern Union"-Fans, der lange Ostteil für den Normalzuschauer und der Südteil als kompletter Block ausschließlich für die Gäste (ob zehn oder tausend angereist kommen, spielt dann wohl keine Rolle).

Aber etwas Nostalgisches mag tröstlich sein und auch in Zukunft von alten Zeiten des Traditionsclubs erzählen: Die antike Anzeigentafel, die so viel Lust und Frust hervorgebracht hat, wenn die großen Nullen verschwinden und die Zahlen für die geschossenen Tore von menschlicher Hand gesteckt werden, bleibt von elektronisch gesteuertem modernen Glühbirnenleuchten verschont. Vorerst.

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