Berlin : 1. Mai: Feiern im Grünen? - Contra

Andreas Conrad

Nun feiert mal schön - so soll nun also das den Wonnemonat eröffnende Motto wieder heißen. Dagegen lässt sich zunächst mal nichts sagen. Selbst der radikalste Straßenkämpfer hätte gegen Partys kaum was einzuwenden, begreift vielleicht sogar sein alljährliches Ritual als besonders aufregenden Tanz in den Mai. Die Frage ist nur, ob die Traditionen von Bebel & Co. heute noch taugen, um ganze Familien oder Belegschaften, seien sie gewerkschaftlich orientiert oder nicht, hinter dem Ofen hervor und ins Grüne zu locken. Das Stemmen von Maibock-Krügen und der Weitwurf mit Pflastersteinen - das sind ja letztlich nicht die Alternativen. Selbstverständlich sind, jedenfalls im demokratischen Rechtsstaat, Pflastersteine zu nichts die Alternative. Aber auf Bilder längst vergangener Epochen zu weisen, auf Bänder-geschmückte Maienbäume, auf ehrsame Arbeiter mit roten Halstüchern oder ebensolchen Blumen im Knopfloch, bedeutet nichts als schiere Sozialromantik, eine Flucht in die rosaroten Freuden der Nostalgie. Verständlich mag dieser Drang zurück ja sein, obwohl man erst mal prüfen müsste, ob der 1. Mai und seine Feiern früher wirklich so harmonisch waren wie es jetzt, angesichts von - im schlimmsten Fall - abgeriegelten Stadtteilen und komplett entglasten Ladenzeilen, erscheinen mag. Aber die Keilerei zum 1. Mai nur als Lust an der Zerstörung abzutun, als grundlosen Drang, alles kurz und klein zu hauen, greift doch zu kurz. So menschenverachtend die Haltung der eingefleischten Streetfighter auch sein mag - dahinter stehen soziale Konflikte, Spannungen innerhalb der modernen Gesellschaft, die sich auf irrationale Weise entladen. Denen muss man beikommen, irgendwie. Mit Gegengewalt - sagen die Law-and-Order-Vertreter, Erfolg hatten sie damit noch nie. Aber jetzt einfach die Freuden der Vergangenheit beschwören und zum Kaffeekränzchen unter blühenden Lindenbäumen aufrufen - nein, so einfach geht es wohl auch nicht.

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