Berlin : 1. Mai: Feiern im Grünen? - Pro

Stephan-Andreas Casdorff

Also, zunächst war ja gar keine Rede von einer Wiederholung oder von einer Institutionalisierung als Feiertag. Die Amerikaner fingen an, damals, vor mehr als hundert Jahren, und die Europäer folgten. Als die Maifeier - jawohl, so hieß das - vorbereitet wurde, galt in Deutschland noch das Sozialistengesetz. Und während der SPD-Vorsitzende August Bebel im Reichstag Reden hielt, musste die Parteizeitung Vorwärts in Schweizer Käse verpackt über die Grenze geschmuggelt werden. Was haben wir schon alles überwunden! Eigentlich ist noch immer ein Grund zum Feiern. Für Feiern im Freien - und keine Randale.

Erinnern wir uns ausgegebenem Anlass an das Positive. Die SPD beschloss in Halle 1890, den 1. Mai als dauerhaften "Feiertag der Arbeiter" einzuführen - aber um der Provokation die Spitze zu nehmen, wollte sie Arbeitsruhe nicht um jeden Preis. Wenn ein Streik nicht möglich war, dann halt eben am ersten Mai-Sonntag ein Umzug oder ein Fest. Und der DGB begründete 1951, nach dem Krieg, die Tradition, die politischen Forderungen mit kulturellen Veranstaltungen zu umrahmen. Attraktive Massenveranstaltungen im Anschluss an die Kundgebungen, das war die Losung. Es wurde üblich, erst zum DGB und dann zur Stadtteilfeier zu gehen. Der 1. Mai: umgewidmet in ein Volksfest für die ganze Familie. Es gab sogar eine Mairevue, die von der ARD und später den Dritten Fernsehprogrammen übertragen wurde - keine Bilder von Militärparaden, marxistischen Heerschauen. Oder von brennenden Barrikaden.

Ja, auch wenn es anachronistisch klingt, es gibt eine Chance, den 1. Mai zurückzugewinnen: indem die Tradition als Anspruch verstanden wird. Ein Jahrhundert lang ist der Tag über alle Widrigkeiten hinweg verteidigt worden. Mit Demonstrationen und Feiern, friedlichen Begegnungen, mit Kultur - mit Phantasie! Die Mehrheit darf ihn sich nicht nehmen lassen. Auf, an die Arbeit.

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