1. Mai in Berlin : Zwiespältige Krawall-Bilanz

Polizeipräsident Glietsch zeigt sich zufrieden mit dem Verlauf der Maifeierlichkeiten. Dennoch wurden in der Walpurgisnacht und am 1. Mai etwa 75 Beamte verletzt und 140 Personen festgenommen.

Berlin - Am Abend des 1. Mai hat es in Berlin auch in diesem Jahr wieder Gewaltausbrüche jugendlicher Randalier gegeben. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei wurden etwa 60 Polizisten verletzt, einige davon schwer.

Am Rande der Straßenparty "Myfest" im Stadtteil Kreuzberg hatten Störer, darunter Linksautonome und einige türkische Jugendliche, Polizisten mit Steinen und Flaschen attackiert. Zum Teil alkoholisierte junge Männer steckten ein Auto in Brand und schlugen Scheiben an einer Bushaltestelle ein. Nach weitgehender Zurückhaltung griff die Polizei eine Stunde vor Mitternacht energisch ein und setzte dabei auch Schlagstöcke und Pfefferspray ein. In Kreuzberg kommt es am 1. Mai seit 20 Jahren nach Einbruch der Dunkelheit immer wieder zu Ausschreitungen.

Bürgermeister Schulz: "Sehr kluge Taktik" der Polizei

Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zeigte sich in einer ersten Reaktion dennoch zufrieden. "Durch unser Konzept der ausgestreckten Hand haben wir auch in diesem Jahr zusammen mit den Initiatoren des 'Myfestes' dafür gesorgt, dass in Kreuzberg bis in die Nacht hinein friedlich gefeiert werden konnte. Gegen diejenigen, die das Fest durch Gewalttätigkeiten stören wollten, sind wir gezielt und konsequent vorgegangen", sagte er. Nach Einschätzung der Polizei gab es in der Nacht nicht mehr Gewalt als im vergangenen Jahr.

Der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), lobte die "sehr kluge Taktik" der Berliner Polizei. Nach seiner Beobachtung hätten die Beamten sich sehr zurückgehalten und seien auch nicht provokativ aufgetreten, sagte Schulz im Inforadio des RBB. Dass der 1. Mai in diesem Jahr vergleichsweise ruhig verlief, führte der Politiker auch auf das große "Myfest" zurück.

Friedlich und entspannt wie selten zuvor

Mehrere linke Demonstrationen waren am Dienstag durch Kreuzberg gezogen. Diesmal richteten sich die Proteste auch gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, einige Demonstranten forderten zudem die Freilassung des Ex-RAF-Mitglieds Christian Klar. Auf dem "Myfest" feierten nach Angaben der Veranstalter 50.000 Leute - so viele wie noch nie. Bis zum späten Abend war es in Kreuzberg so friedlich und entspannt zugegangen wie selten zuvor; doch kurz vor 22 Uhr flogen dann doch in der Waldemarstraße und der Naunynstraße vereinzelt Steine und Flaschen. Einige hundert Jugendliche randalierten später in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs; die Polizei nahm mehrere Steinewerfer fest. Teilweise wurden Steine aus der Deckung des Festes auf die Polizei geschleudert; im Verlauf ging die Polizei immer wieder gegen einzelne Krawallmacher vor. Mehrfach wurden Mülleimer angezündet; anders als in früheren Jahren griffen Anwohner sofort ein und löschten die Flammen. Auch die Polizei löschte mehrere brennende Müllcontainer. Das Ausmaß des Krawalls war aber geringer als in der Vergangenheit.

5000 Polizisten im Einsatz

Am Tage waren etwa 50.000 Menschen bei Sommerwetter in den Kreuzberger Kiez gekommen, um den 1. Mai zu begehen. In den Straßen waberten Grillwolken; Yogi-Tee und kühles Pils wurden verkauft, auf den Bühnen feierten Musiker und Breakdancer. Am Abend waren Tausende auf dem Oranienplatz dabei, als die linken Alt-Protest-Rocker von "Ton, Steine, Scherben" ihre alten Hits spielten.

Die Polizei, die mit 5000 Polizisten im Einsatz war, hielt sich in den Seitenstraßen zurück - stattdessen suchten gut gelaunte Polizisten immer wieder den Kontakt zum Bürger; auf Kreuzbergs Straßen waren tagsüber mehr Kinderwagen zu sehen als Polizei-Wannen. Friedlich zog am Abend auch die "Revolutionäre 1. Mai-Demo" mit 5000 Teilnehmern durch das "Myfest".

Ausschreitungen in der Walpurgisnacht

Anti-Konflikt-Teams der Polizei waren den gesamten Tag im Einsatz, um Auseinandersetzungen schon im Entstehen abzuwenden. Unterwegs war auch eine neue Spezialeinheit der Berliner Polizei. Die knapp hundert Zivilbeamten sollten Gewalttaten möglichst schon in der Vorbereitungsphase unterbinden und Rädelsführer sofort festnehmen.

Zu Ausschreitungen war es auch am Vorabend gekommen. In der Walpurgisnacht hatte die Polizei 119 Menschen festgenommen, als diese aus einer Gruppe von 1500 Personen am Boxhagener Platz in Friedrichshain mit der Randale begannen. Das sind deutlich mehr Festgenommene als 2006, als die Polizei 72 Personen in Gewahrsam nahm. "Die Änderung unseres Einsatzkonzeptes hat in erster Linie zu weniger Gewalt geführt, aber auch zu mehr Festnahmen", sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch. Es seien gezielt "Rädelsführer" aufgegriffen worden. Im Vorjahr seien die Beamten vieler Gewalttätiger nicht habhaft geworden.

Attackiert wurden in jener Nacht auch Journalisten: Am Boxhagener Platz wurde ein Fotograf gezielt angegriffen, seine Kamera zerstört. Auch Fernsehteams wurden behindert. Insgesamt 15 Polizisten wurden verletzt. Ein Beamter erlitt einen Jochbeinbruch und kam ins Krankenhaus. Am frühen Morgen wurden in Friedrichshain mehrere Autos angezündet. Im Mauerpark in Prenzlauer Berg hingegen blieb es dagegen ruhig. (tso/Tsp/dpa)

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