Berlin : 1. Mai-Krawalle: Kreuzberger Mischung

Jörn Hasselmann

Die Militanten. (Früher, als noch in Reihen demonstriert wurde, auch: "der schwarze Block" genannt.) Sie schmeißen den ersten Stein, denn sie haben das organisiert und besprochen, in kleinen Grüppchen. Sie machen das in jedem Jahr, die älteren (so genannten Veteranen, die schon in den legendären Jahren 1987 und 1989 in Kreuzberg wohnten und tobten) haben sich in die zweite Reihe zurückgezogen. In der ersten Reihe stehen Achtzehnjährige oder Mittzwanziger. Sie machen das geschickt, straff organisiert und vom Zeitpunkt her strategisch günstig. Mit dem ersten Steinhagel wird rasch noch ein Auto oder ein Müllcontainer angezündet - dann türmen die Gewalttäter in Hausflure, ziehen sich dort rasch ein buntes Sweatshirt über - und sickern dann über Innenhöfe der Blocks in einer Parallelstraße wieder unters Volk. So geschickt, dass sie selten geschnappt werden - obwohl kaum noch einer sich die Mühe machte, sich zu vermummen.

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Bilder des Tages: Kundgebungen am Tag, Randale in der Nacht Geschnappt werden überwiegend die Sympathisanten. Wenn die Lage chaotisch ist, die Polizei sich zurückzieht, dann greifen auch die Sympathisanten zum Stein; wer nicht ganz so kräftig sympathisiert, wirft nur eine Flasche oder Dose. Denn die Gefahr ertappt zu werden, erscheint ja gering. Sympathisanten gibt es reichlich, ganz unterschiedlich motivierte. Viele ärgern sich "dass die Rechten demonstrieren dürfen und die Linken nicht". Oder Menschen, die angebliche Polizeigräuel sehen, und dann die Bierflasche halbvoll in Richtung Polizei schleudern. Wie um 21.18 Uhr, als in der Adalbertstraße ein schwer verletzter Demonstrant leblos auf dem Asphalt liegt, der nach Zeugenaussagen "von der Polizei überrannt" wurde.

Die Übergänge vom Sympathisanten zum Neugierigen sind fließend. Neugierige kommen aus Zehlendorf, Bernau und Reit im Winkl, vor allem natürlich aber aus Kreuzberg und den anderen Vierteln, wo junge Menschen und Studenten wohnen. Denn die Neugierigen sind gerne jung, dafür verstehen sie nicht immer, worum es bei den Auseinandersetzungen geht.

Die Anwohner sind, wenn sie sich auf der Straße zeigen, merkwürdig. Höhnen "hopphopphopphopp" hinter flüchtenden Polizisten hinterher oder ein schlichtes "Verpisst euch aus Kreuzberg." Klatschen Beifall, wenn Chaoten ihnen den Kiez zertrümmern. Bleiben auch dann noch ruhig und gefasst, wenn das eigene Auto plötzlich keine Scheiben mehr hat.

Den türkischen Nachbarn erkennt man daran, dass er einen lautstarken Wutanfall bekommt, wenn das Automobil eine Schramme hat. Die halbstarken Söhne dieser Nachbarn, gebündelt in den türkischen Gangs, lassen die Pflastersteine deshalb aber nicht liegen; insofern gehören sie zu den Sympathisanten.

Das Bier. Es ist der Stoff, der Kreuzberg an diesem Tag einte. Alle tranken, alle tranken sie Bier; die Dönerbudenbesitzer scheffeln am 1. Mai ein hübsches Sümmchen mit zweifuffzig für ein Becks. Nur ein paar organisierte Autonome hatten sich an die Appelle auf Flugblättern gehalten: "Kein Alk".

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