Berlin : 1. Mai-Krawalle: Platzwunden im Minutentakt

Ingo Bach

Fassungslos starrt Christian Felte auf seine blutverschmierten Hände. "Sie ist in meinen Armen einfach zusammengesackt", sagt er, ohne von seiner Umgebung Notiz zu nehmen. Der 29-Jährige hat gerade seine Freundin in die Notaufnahme des Kreuzberger Urban-Krankenhauses gebracht, sitzt zusammengesunken im Wartezimmer. Kurz zuvor waren beide noch am Mariannenplatz, wo sich Randalierer und Polizisten die Schlacht des diesjährigen 1. Mai lieferten.

Auf dem Flur wartet auch seine Freundin - auf einer Liege. Alle vier Behandlungszimmer sind mit den Verletzten belegt. Eine große Platzwunde am Kopf der Frau blutet heftig, der Verband, den ihr die Sanitäter angelegt haben, ist tiefrot gefärbt. Sie kann sich nur schwer artikulieren. Wahrscheinlich hat das Gehirn etwas abbekommen.

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Bilder des Tages: Kundgebungen am Tag, Randale in der Nacht Überall auf dem Flur und in den Untersuchungszimmern das gleiche Bild: auf kurzgeschorenen Köpfen verkrustet Blut. Auch die Kleidung der meist jugendlichen Mairevolutionäre - die Pfleger nennen sie einfach "Demo-Opfer" - ist rot gesprenkelt. Doch sieht das alles schlimmer aus als es ist. "Die Kopfhaut ist stark durchblutet", erklärt der Leitende Oberarzt an diesem Abend, Torsten Köchy. "Eine Verletzung sieht deshalb sehr dramatisch aus." Dabei ist sie schnell behandelt. Die beiden Ärzte der Unfallabteilung vernähen Platzwunden im Akkord. Routiniert setzen sie mit einer Spritze örtliche Betäubungen, nach wenigen Stichen ein Pflaster auf die Wunde - fertig, der Nächste.

"Die meisten Kopfverletzungen stammen von Steinen oder Flaschen", sagt Köchy. "Die Polizei schlägt mit den Gummiknüppeln selten auf den Kopf, sondern auf Muskelgruppen, wo es besonders weht tut." Doch nicht nur Randalierern wird an diesem Tag wehgetan. Ein Polizist hält mit schmerzverzerrtem Gesicht eine kühlende Gelpackung an seinen Hals. Dunkel zeichnet sich ein Bluterguss ab. Ein Pflasterstein. So sehen Verletzungen aus, wenn man kein Schutzschild hat.

Immer wieder fahren die Rettungswagen vor, bringen zwischen 21 und 22 Uhr im Minutentakt Demo-Opfer in die Notaufnahme. "Wo habt ihr den her?", fragt ein Pfleger - "Für die Papiere." Die Antwort ist fast immer gleich: Mariannenplatz.

Oft fahren die Sanitäter vergebens zum Einsatzort: "Manche Verletzten kleben sich selbst ein Pflaster drauf und feiern in der Kneipe weiter." Seit Jahren fahren die drei Feuerwehrleute, die gerade einen Verletzten abgeliefert haben, zusammen auf dem Rettungswagen. Sie waren schon bei vielen Maifeiern dabei. Einer sagt: "Die Idee mit den Absperrungen am Mariannenplatz hat funktioniert. Damit war der Zulauf an Krawallmachern unterbrochen." Doch Kollegen berichteten, sie seien mit ihrem Rettungswagen steckengeblieben. So wundern sich die Pfleger im Krankenhaus, wenn immer wieder Leerlauf entsteht. Einer von ihnen meint sarkastisch: "Wenn der Kessel dicht ist, bleibt das Blut eben unter sich."

Über dem Urbankrankenhaus kreisen stundenlang Polizeihubschrauber, überall Blaulicht und Sirenengeheul. Doch trotz der Hektik - auf den Fluren der Notaufnahme herrscht Stille. Ein Demonstrant ist auf der Liege eingenickt, die Platzwunde am Kopf hat er vergessen - die Revolution macht müde, vor allem dann, wenn Alkohol den umstürzlerischen Elan beflügelte. Draußen warten Zivilfahnder der Polizei auf den schlafenden Krieger, die Handschellen haben sie ihm nur für die Behandlung abgenommen. "Der Randalierer ist festgenommen", lautet der trockene Kommentar. Er wird sich nicht lange auf der frisch bezogenen Liege ausruhen können.

Dafür wird es für die Pfleger ab Mitternacht ruhiger. Die Bilanz des Kampftages im Urban-Krankenaus: 42 Verletzte versorgt, darunter vier Polizisten. Die meisten Verletzungen waren Platzwunden, dazu noch ein paar Prellungen und Abschürfungen. "Schlimmerals im letzten Jahr", sagt die Oberschwester. "Aber nicht schlimmer als Silvester oder Love Parade", ergänzt Köchy.

Um ein Uhr rätseln die Ärzte noch immer, ob die Verletzung der Freundin von Christian Felte von einem Schlag oder einem Stein stammt. Die junge Frau muss im Krankenhaus bleiben, als einziges "Demo-Opfer" wird sie stationär behandelt.

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