1. Mai : Linksradikale machen Polizei verantwortlich

Die Krawalle werden von Teilen der autonomen Szene als Erfolg gewertet, es gibt aber vereinzelt Selbstkritik.

Florian Ernst

Die Ausschreitungen während und nach der 18-Uhr-Demonstration am 1. Mai in Kreuzberg werden derzeit auch in der linken Szene diskutiert. „Stärkster 1. Mai in Berlin seit 2004“, bilanziert ein Artikel im autonomen Onlineportal „indymedia“ die Geschehnisse am Abend. „Gestern hat Berlin eine riesige, militante Demonstration gesehen, die sich an vielen Stellen erfolgreich gegen die Provokationen und Angriffe der Bullen zur Wehr gesetzt hat“, kommentiert ein Leser auf der Webseite. Auch der Zusammenhalt der verschiedenen Gruppen in der linken Szene wird gelobt: „Linksradikale Antifa-Gruppen“ hätten „Schulter an Schulter mit Freiraum-Aktivisten, Alt-Autonomen und anderen Anti-Kapitalisten demonstriert“.

Allerdings wird auch vereinzelt Kritik laut. So vermissen verschiedene Beobachter die Sprechchöre beim Zug durch das Myfest oder insgesamt eine klarere Artikulation der Ziele der Demonstration. Auch die Angriffe aus dem Protestzug auf Polizisten, „die sich eigentlich zu diesem Zeitpunkt ziemlich zurückhielten“, werden zum Teil kritisiert.

Die Organisatoren beanstanden vor allem das Einsatzverhalten der Polizeikräfte. „Die Polizei hat die Situation deutlich eskaliert, reagierte unverhältnismäßig und hat mit brutalen Übergriffen zahlreiche Verletzte zu verantworten“, heißt es in einer Pressemitteilung des „Bündnis 1. Mai“ auf einer Webseite zur Demo. Statt der angekündigten Deeskalation habe nur wenige Metern vor dem Eintritt der Demo in das Myfest-Areal „ein größerer, uniformierter und behelmter Polizeitrupp der Bundespolizei wegen angeblicher Vermummung und zu langer Seitentransparente“ eingegriffen. Dies sei ohne jegliche Vorankündigung und vorherige Bitte an den Veranstalter geschehen, die Angelegenheit ohne Polizeieinsatz zu regeln, wird weiter kritisiert. Zudem wird bemängelt, dass es in diesem Jahr bei der Polizei während der Demonstration keinen festen Ansprechpartner für den Anmelder der Versammlung gegeben habe. „Der Anmelder und dessen Anwalt hatten somit nur eingeschränkte Möglichkeit, auf den Verlauf der Demo Einfluss zu nehmen.“ So habe er weder Informationen über Probleme aus Sicht der Polizei erhalten, noch habe man ihm Gelegenheit gegeben, auf diese zu reagieren, heißt es weiter. Dennoch wird auch dargestellt, viele Demoteilnehmer seien in diesem Jahr „deutlich wütender“ gewesen und hätten auf „Provokationen der Polizei“ empfindlicher reagiert. Auf „indymedia“ heißt es, die Demo habe „von Anfang an einen sehr offensiven Eindruck“ gemacht.

Mit Sorge betrachten Szenekenner die Medienberichterstattung nach dem 1. Mai. „Müssen wir jetzt wieder mit Fahndungsplakaten rechnen?“, fragt ein User in einem Foreneintrag. In den letzten Jahren hatte die Polizei nach dem 1. Mai auf Fahndungsplakaten mit Fotos um Mithilfe der Bürger bei der Ergreifung von Gewalttätern gebeten. 

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