Berlin : 1. Mai: Schwerste Krawalle seit zehn Jahren

Der Berliner Stadtteil Kreuzberg hat gestern die schwersten Mai-Krawalle seit zehn Jahren erlebt. Autonome errichteten Barrikaden, zündeten Autos an und warfen Pflastersteine und Flaschen. Ein schwer verletzter Demonstrant wurde mit dem Notarztwagen abtransportiert. Trotz eines Aufgebots von 9000 Mann gelang es der Polizei nicht, die Ausschreitungen zu verhindern. Damit ist der Plan von Innensenator Eckart Werthebach (CDU) nicht aufgegangen, die Gewalt durch ein Demonstrationsverbot für Linke und frühes Eingreifen zu verhindern. Polizeipräsident Hagen Saberschinsky nannte die Eskalation "ärgerlich".

Zwei Demonstrationen mit rund 7000 Teilnehmern waren am Nachmittag in Kreuzberg friedlich beendet worden. Am Mariannenplatz eskalierte die Situation dann. Zumeist Jugendliche warfen mit Steinen und Flaschen nach Polizeibeamten. Leuchtraketen und sogar Fahrräder flogen durch die Luft. Mehrere Autos wurden demoliert und in Brand gesteckt. Die Polizei reagierte mit Schlagstöcken, Tränengas und schwerem Räumgerät. Ein Dutzend Wasserwerfer fuhren auf. Anwohner flüchteten verstört in ihre Häuser. In den Abendstunden entwickelte sich das in Berlin seit Jahren bekannte Katz-und-Maus-Spiel zwischen zum Teil vermummten Störern und der Polizei. Die Polizei kesselte rund 200 Menschen auf dem Mariannenplatz ein, die sie als potenzielle Gewalttäter oder Sympathisanten einstufte.

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Bilder des Tages: Kundgebungen am Tag, Randale in der Nacht Augenzeugen sprachen von den schwersten Ausschreitungen seit zehn Jahren. Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) verteidigte unterdessen sein Verbotskonzept für die Mai-Demonstrationen. "Jeder Steinwurf ist eine Bestätigung des Verbots", sagte Werthebach in den ARD-Tagesthemen am Dienstagabend. Im Vergleich zu den Ausschreitungen in den vergangenen Jahren sei der Sachschaden nicht so hoch und die Zahl der festgenommenen Gewalttäter deutlich gestiegen. Berlins Polizeipräsident Hagen Saberschinsky verteidigte in einer ersten Bilanz das massive Vorgehen der Polizei gegen gewaltbereite Demonstranten. Es könne nicht hingenommen werden, dass am Tag der Arbeit Steine fliegen und Randale an der Tagesordnung seien, sagte Saberschinsky. Er bezeichnete die Eskalation als "ärgerlich". Der Polizei lagen noch bis zum späten Abend keine Zahlen über Verletzte vor.Nach Polizeiangaben wurden mehr als 150 Menschen festgenommen. Die Zahl der Verletzten stand noch nicht fest. Am späten Abend entspannte sich die Lage. Kreuzberg sei wieder "befriedet", hieß es gegen 23 Uhr aus der Einsatzleitung.Ein Arzt des Kreuzberger Urban-Krankenhauses sprach von einer Handvoll verletzter Demonstranten sowie einer verletzten Polizistin.

Am Nachmittag war eine Demonstration von rund 1000 Rechtsextremisten durch den Plattenbaubezirk Hohenschönhausen nach Polizeiangaben friedlich zu Ende gegangen. Gleichzeitig protestierten rund 600 linke Demonstranten gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten. Es gab einige vorläufige Festnahmen. Verletzt wurde den Angaben zufolge keiner. Die Polizei zeigt sich im Anschluss an die Veranstaltung zufrieden mit dem Verlauf. Ein Sprecher betonte, durch die strikte Trennung von NPD und linken Gegendemonstranten seien größere Zwischenfälle verhindert worden.

NPD-Demonstrationen wurden auch aus Frankfurt am Main, Augsburg, Mannheim und Dresden gemeldet. Eine Gruppe von 200 bis 300 Linken stoppte in Frankfurt nach Polizeiangaben eine U-Bahn, in der sich Rechtsradikale befanden. Beide Seiten bewarfen sich mit Steinen. In Mannheim hielten mehreren hundert Demonstranten aus der autonomen Szene den Zug der etwa 300 Rechtsextremen durch eine Sitzblockade auf. Ein Großaufgebot der Polizei trennte beide Seiten voneinander. Die Beamten kesselten die Blockierer ein. , mehrere linke Demonstranten wurden festgenommen. 3000 Menschen hatten am Vormittag in Mannheim friedlich gegen Neonazis demonstriert. Etwa 1500 Anhänger der rechtsextremen NPD sind durch Dresden gezogen. Die Demonstration wurde laut Polizei von rund 1000 Beamten begleitet. Sie trennten die Rechtsextremisten von etwa 400 Gegnern aus dem linken Spektrum. Auch in Hamburg errichteten Gewalttäter Barrikaden und richteten Sachschaden an.

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