Berlin : 1. Mai: So viel Grün wie noch nie auf den Straßen

Jörn Hasselmann

Abgeriegelt wird Kreuzberg nicht, versprach Polizeipräsident Saberschinsky gestern. "Es sind keine flächendeckenden Vorhaben geplant, alles sei abhängig von der Situation - "bei einer zugespitzten Lage kann man nichts ausschließen", sagte Saberschinsky weiter. "Wir haben es mit fest entschlossenen Gewalttätern zu tun." Theoretisch vorstellbar sei deshalb alles, auch, dass die U-Bahn gestoppt wird.

Alle Berliner sollten sich am Maifeiertag auf kurzfristige Sperrungen von einzelnen Straßen und Kreuzungen einrichten. Da nach dem Verbot der autonomen Demo am Abend völlig unklar sei, wie viele Menschen zu der - erlaubten - Demonstration der orthodoxen Kommunisten am Nachmittag kommen, könne es bei diesem Aufzug auch zu längeren Behinderungen für Autofahrer kommen. Saberschinky rechnet am Nachmittag mit bis zu 20 000 Teilnehmern.

Auch die Zahl der Gegendemonstranten bei der NPD-Veranstaltung dürfte sehr hoch sein, da sich dort entlang des Zuges der Rechtsextremisten vom linksextremistischen bis zum bürgerlichen Lager ein breites Bündnis einfinden wird.

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Saberschinsky sieht dort ein "hohes Protestpotenzial". Straßensperrungen und auch größere Abriegelungen sind bei dem NPD-Aufmarsch wahrscheinlich. Letztlich lautet die Empfehlung wie beim Berlin-Marathon oder anderen Großveranstaltungen: Das Auto stehen lassen und U-Bahn fahren. Wer keinen Krawall sehen und hören möchte, könnte auch das angekündigte schöne Wetter nutzen und einen Ausflug ins Brandenburgische einplanen. Dort dürfte auch die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer sein, dass ein Polizist den Ausweis sehen möchte. Denn vor allem in der Innenstadt und in Kreuzberg wird ein großes Aufgebot für alle Eventualitäten bereit stehen.

Denn mit den von Linken und Autonomen angekündigten "dezentralen Aktionen" dürte die Polizei die größten Schwierigkeiten haben; möglich sei aber auch, dass die Autonomen offiziell angemeldete Straßenfeste unterwandern. "Interessierte Kreise könnten solche Veranstaltungen für ihre Machenschaften missbrauchen", sagte der Polizeipräsident. Die Polizei rät allen, die am Maifeiertag in der Stadt unterwegs sind, den Personalausweis dabei zu haben.

Gerade für Kreuzberger empfiehlt es sich, dass im Ausweis auch die aktuelle Adresse eingetragen ist. Denn in den Vorjahren riegelte die Polizei häufig ganze Straßenzüge ab und ließ nur Anwohner hinein, die dies nachweisen konnten. Die Beamten wollen sehr genau hinsehen, ob sich ein Kegelclub aus Wanne-Eickel oder ein Trupp Autonomer aus Sankt Pauli im Zentrum bewegt. "Wir umzingeln deshalb nicht gleich den Reichstag oder das Kanzleramt", sagte Polizeisprecherin Gabriela Gedaschke.

Die "Szene" - und auch viele Kreuzberger - erinnern sich jedoch nur zu gut an den 12. Juni 1987. An diesem Tag war US-Präsident Reagan zu Gast in der Stadt, und die Polizei riegelte Kreuzberg einfach ab. Das ging damals, zu Mauerzeiten, recht einfach; die Zahl der Straßen Richtung Innenstadt war überschaubar. Den größten Schlag versetzte die Polizei den Autonomen aber, in dem sie die U-Bahn-Linien 1 und 8, die aus Kreuzberg 36 hinausfuhren, einfach einstellen ließ. Die BVG befolgte damals diesen "Wunsch" der Einsatzleitung. Kaum einer der Kreuzberger Demonstranten gelangte deshalb zu der Anti-Reagan-Demonstration in der West-City.

Schon gestern fiel Bewohnern von Prenzlauer Berg und Kreuzberg die weit höhere Polizeidichte auf. Und die wird sich auf eine noch nie dagewesene Massierung steigern. Gestern nachmittag sprach Polizeipräsident Saberschinsky von 9000 Polizisten, die vom 28. April bis zum 2. Mai in Berlin im Einsatz sein werden. Vor drei Tagen noch war nur von 7500 Beamten die Rede - und auch diese Zahl hätte den derzeit geltenden Maifeiertag-Rekord schon gebrochen. "Der Bürger will doch gerne mehr Grün auf der Straße, am 1. Mai wird er das haben", sagte ein leitender Beamter gestern.

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