Berlin : 1. Mai: Weihrauch und Maschinenöl

Alexander Zeller

Von einer Industriekathedrale zu sprechen, wäre übertrieben. Doch die Hauptwerkstatt der S-Bahn im Niemandsland des Adlergestells wurde am Montagabend zum Gotteshaus. Dort zelebrierte der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky am Vorabend des 1. Mai eine Messe für "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer". Nun sollte damit nicht die geeinigte Stärke der Arbeiterschaft demonstriert, sondern zu Ehren von "Josef dem Arbeiter" daran erinnert werden, welchen Stellenwert die christliche Lehre der Arbeit beimisst. Aber die Messe war auch eine politische Veranstaltung.

"Der Mensch ist von Gott zur Arbeit berufen", heißt es im Grundsatzprogramm der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), die zu dem Gottesdienst eingeladen und auch das Motto beigesteuert hatte: "Wohlstand teilen + Würde achten + Arbeit bieten = Bewusst leben". Die KAB hat in ihrer Berliner Sektion etwa 500 Mitglieder in 17 Ortsgruppen. Mit der Einladung an Sterzinsky griff man auf eine Tradition zurück, die genau 40 Jahre brachgelegen hatte: Am 30. April feierte der Berliner Kardinal Döpfner zuletzt mit Arbeitern am Vorabend des 1. Mai einen Gottesdienst.

Die KAB hat in dem ökumenisch engagierten Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der S-Bahn Berlin, Ernst-Otto Constantin, einen Partner für ihr Vorhaben gefunden. So wurde die Werkhalle unter dem grün gestrichenen Stahlgerüst und den riesigen Hebekränen zur Kirche. Die Bänke stammten aus dem Biergarten, ein Tisch mit einem einfachen Blumengesteck diente als Altar. Sicherheitsbeamten wachten über die im Hintergrund aufgebockten S-Bahnen. Als der Kardinal mit Gefolge einzog, mischten sich Weihrauchschwaden mit dem Maschinenöl-Geruch in der Halle. Die Band - Gitarre, Hammondorgel und Percussion - intonierte Sakralpop. Sterzinsky griff das von der KAB gestellte Motto auf. Arbeit, sagte er, sei auch ein Beitrag zum Leben in der Solidargemeinschaft. In der Arbeit entfalte der Mensch seine Anlagen und festige sich geistig und moralisch. Als Aufruf gegen die Faulheit wollte er das nicht verstanden wissen. Jede sinnvolle, zielgerichtete Tätigkeit sei Arbeit - auch solche, die man aus Muße betreibe. Arbeit, sagte der Kardinal, sei ein Prozess, von dem niemand ausgeschlossen werden dürfe. Sterzinsky: "Das Problem in unserer Gesellschaft ist doch nicht die Faulenzerei, sondern die immer noch ungerechte Arbeitsverteilung."

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