• 10 Jahre Berliner Umweltpolitik: Beim Wasser und der Luft sind die Erfolge am größten

Berlin : 10 Jahre Berliner Umweltpolitik: Beim Wasser und der Luft sind die Erfolge am größten

Altlasten. Vorher: DDR-Betriebe wie Berlin-Chemie, Berliner Fertigteilwerke, Spezialfahrzeugbau Berlin, das Kabelwerk Adlershof, Technische Gase und das Heizwerk Adlershof haben bis zum Mauerfall auf ihren Flächen ein ökologisches Massaker angerichtet. Altlasten gab es aber auch im Westteil der Stadt. Auf dem Grundstück der ehemaligen Firma Pintsch Öl in der Neuköllner Gradestraße hatte sich auf dem Grundwasser eine 1,5 Meter dicke Öllinse gebildet. Bis Anfang der 90er Jahre wurden 80 000 Liter Öl aus dem Erdboden gefördert. Das Abpumpen und Entsorgen kostete 100 Millionen Mark. Abgeschlossen war die Sanierung damit nicht, nur nicht weiter finanzierbar.

In einem Altlasten-Kataster wurden 7900 Verdachtsflächen registriert. 5690 Flächen stellten die Experten sogleich zurück, da von ihnen keine akute Gefahr für das Grundwasser ausging. Für das Wasserwerk Johannistal kann jedoch nur noch Schadensbegrenzung betrieben werden. 11 der 67 Trinkwasserbrunnen sind verseucht. Durch industrielle Verunreinigung sind die Sedimente der gesamten Fließstrecke der Unterhavel, des Wannsees und der Kleinen Wannseekette, aber auch Teltowkanal, Panke, Dahme und Teile der Spree mit Schwermetallen belastet, vor allem mit Cadmium, Zink, Blei und Kupfer.

Nachher: 10 Jahre später sind die Behörden immer noch mit der akuten Gefahrenabwehr beschäftigt. Bearbeitet werden derzeit 911 Flächen. Im Mittelpunkt steht das "Großprojekt Berlin", die Sicherung der alten Industriestandorte im Südosten der Stadt. Bis 1999 wurden 100 Millionen Mark für die "Soforthilfe" ausgegeben - unter anderem für eine 1000 Meter lange Dichtungswand entlang der Spree. Für die weiteren Arbeiten wird in den nächsten Jahren mit weiteren 400 Millionen Mark gerechnet. Zu den kleineren Projekten zählen die im vergangenen Jahr abgeschlossene Entschlammung des Teltowkanals für rund 32 Millionen Mark und die derzeit laufende Teil-Sanierung der Rummelsburger Bucht für rund 25 Millionen Mark. Wegen starker Überdüngung wurden auch der Kleine Müggelsee, Plötzensee, Lietzensee, Wuhlesee, Grunewaldsee und Hundekehlesee entschlammt.

Müll

Vorher: In Sachen Müll waren West-Berlin und die DDR 1974 eine für beide Seiten vorteilhafte Symbiose eingegangen. Die Stadt konnte ihren Müll billig ins Umland schaffen - dafür erhielt der sozialistische Apparat harte Devisen. Mit der Wende war das Geschäft geplatzt, und Berlin musste sich wieder selbst um "seine" Deponien kümmern. Die Sanierungskosten für die fünf Umlanddeponien wurden zunächst auf 3, später auf 1,5 Milliarden Mark geschätzt.

Nachher: Bisher ausgegeben wurden 210 Millionen Mark für Sofortmaßnahmen wie die Ableitung von Deponiegasen und das Auffangen von Sickerwasser. In der Planung sind Oberflächenabdeckungen für stillgelegte Deponieteile und Anlagen zur Verwertung von Deponiegas. Die in Berlin anfallende Müllmenge hat sich seit 1991 nahezu halbiert - sie sank von 2,4 auf 1,27 Millionen Tonnen. Umweltsenator Strieder hat sich aus Sicht von Umweltschützern in der Müll-Problematik Verdienste erworben. Zwei bereits vollständig projektierten Müllverbrennungsanlagen bereitete er das Aus und verpflichtete die BSR, weiterhin die Berliner Umlanddeponien zu nutzen. Vor kurzem ist ihm allerdings eine West-Berliner Altlast auf die Füße gefallen: Die 1982 still gelegte Wannsee-Deponie, hübsch mit Grün dekoriert und als Naherholungsgebiet ausgewiesen, verseucht das darunter fließende Grundwasser. Ein weiterer Sanierungsfall. Geschätzte Kosten: 20 Millionen Mark.

Klima

Vorher: Die Klimaveränderung wurde erst mit Beginn der 90er Jahre als Umweltproblem wahrgenommen. Berlin verpflichtete sich 1994, bis zum Jahr 2010 25 Prozent weniger CO2 in die Luft zu blasen als 1990. Damals wurden 33 Millionen Tonnen CO2 emittiert.

Nachher: 1997 waren es knapp 17 Prozent weniger. Für die weiteren Jahre liegen noch keine Daten vor. CO2-Einsparungen ergaben sich besonders durch bessere Wärmedämmung in Neu- und Altbauten. Der Verbrauch des relativ schadstoffarmen Erdgases erhöhte sich zwischen 1990 und 1997 um ein Viertel, gleichzeitig sank der Einsatz von Braunkohle um 90 Prozent. Der Energiebedarf sank in der Industrie insgesamt um 33 Prozent, gleichzeitig stieg er im Verkehr um 15 Prozent an. Stark ausgebaut wurde bis Mitte der 90er Jahre die Kraft-Wärme-Kopplung in kleinen Blockheizkraftwerken oder größeren Anlagen wie dem Heizkraftwerk Mitte. Seit der Liberalisierung des Strommarktes sind viele dieser Anlagen jedoch kaum konkurrenzfähig.

Wasser

Vorher: Da es in der DDR kaum Wasseruhren gab, schöpften die Bürger aus dem Vollen. 1989 förderten die neun Wasserwerke Ost-Berlins 175 Millionen Kubikmeter, die sieben Werke im Westteil 183 Millionen. Die Qualität der Gewässer war beiderseits der Mauer bescheiden.

Nachher: Bis 1999 verringerte sich der Wasserverbrauch in Gesamt-Berlin auf 224 Mio. Kubikmeter, ein Rückgang um 38 Prozent. 5 Wasserwerke wurden still gelegt. Insgesamt 738 Kilometer Abwasserkanäle entstanden neu, davon 468 im Ostteil der Stadt. Die Klärwerke in Brandenburg - Waßmannsdorf, Münchehofe, Schönerlinde, Stahnsdorf - wurden modernisiert. Insgesamt investierten die Berliner Wasserbetriebe zwischen 1990 und 1999 rund sechs Milliarden Mark in ihre Anlagen, davon mehr als 60 Prozent im Ostteil der Stadt. Durch verbesserte Klärtechnik und weniger Einleitungen konnte die Phosphat-Belastung der Seen auf ein Drittel bis ein Viertel gesenkt worden. Der Tegeler See erreicht als einziges großes Gewässer in Berlin die Güteklasse 2. Trotz der Verbesserungen bedroht das massenhafte Auftreten von Grün-, Blau- und Kieselalgen im Sommer das Ökosystem der Seen. Ein 1999 entwickeltes Szenario legt den Zeitrahmen für die Lösung dieses Problems auf mindestens 25 Jahre. Das gilt aber nur, wenn in dieser Zeit die Klärwerke weiter ausgebaut, die Kanalsysteme saniert werden und die Landwirtschaft weniger Dünger einsetzt.

Luft

Vorher: In den Berliner Luftraum wurden 1989 70 627 Tonnen Schwefeldioxid und fast ebensoviel Stickoxide eingeleitet. Fast ein Drittel der Berliner Haushalte heizten noch mit Kohle. Die Verkehrsbelastung war vergleichsweise niedrig. Im Ostteil tuckerten 280 000 Zweitakter, im Westteil rund 660 000 Viertakter, meist ohne Katalysator.

Nachher: In diesem Jahr werden Hochrechnungen zufolge nur noch knapp 9900 Tonnen Schwefel emittiert. Bei den Stickoxiden beträgt die Reduzierung fast 60 Prozent, bei Kohlenmonoxid etwa 50 Prozent. Viele Blockheizwerke auf Braunkohlebasis wurden im Ostteil der Stadt still gelegt. Mehr als 80 Prozent der Großbetriebe schlossen ihre Pforten, darunter auch eine "Dioxinschleuder", die Müllverbrennungsanlage Lichtenberg. Von 1513 genehmigungspflichtigen Industrieanlagen waren 7 Jahre später noch 616 übrig geblieben, oft in wesentlich kleinerem Umfang. Der Anteil an Ofenheizungen sank 1999 auf 8 Prozent. Der zunehmende Verkehr hat die günstige Bilanz bei Luftschadstoffen teilweise verhagelt. Zwar stieg der Anteil von Kfz mit Katalysator von 17 (1989) auf 77 Prozent (1999), allerdings stieg auch die Gesamtzahl der Autos um ein gutes Viertel und die Fahrleistung um knapp 40 Prozent an. Die 1,2 Millionen Fahrzeuge legten 1999 nach Berechnungen der Umweltverwaltung fast 13 Milliarden Kilometer zurück. In 40 Prozent der Berliner Hauptverkehrsstraßen, etwa in der Neukölner Silbersteinstraße und der Steglitzer Schildhornstraße, kommt es seit Jahren zu erheblichen Grenzwert-Überschreitungen bei Ruß und teilweise auch Stickoxiden. Die Ozonwerte haben sich gegenüber 1989 verbessert. Wurden damals an 25 Tagen mehr als 180 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft gemessen, geschah dies 1999 nur noch an 3 Tagen.

Naturschutz und Grünflächen

Vorher: Während im alten Westberlin wegen des Inselcharakters viel Geld in Erschließung und Pflege von Naturschutz- und Erholungsflächen floss, blieben Grünflächen im Ostteil eher Zufallsprodukt. Nach der Maueröffnung fielen die Pläne einer Bundesgartenschau auf einem Grünzug durch die Stadt, vom Moabiter Werder über den Potsdamer Platz, Gleisdreieck und Schöneberger Südgelände zur Stadtgrenze, dem Aufbau Ost zum Opfer.

Nachher: In diesem Sektor wurde der Rotstift besonders oft gespitzt. Die Gelder für die Pflege von Grünanlagen wurden nach Angaben der Bündnisgrünen von 1991 bis 1998 von 60 auf 30 Millionen Mark halbiert. Wären nicht die Ersatzmaßnahmen für Großprojekte, finanziert von den Investoren, käme das städtische Grün gar nicht mehr zum Sprießen. Allein für den Potsdamer Platz und die Verkehrsanlagen in Tiergarten und Mitte fließen 100 Millionen Mark in Begrünungs-Projekte. Realisiert wurden dafür der Landschaftspark Schöneberger Südgelände und die "Neue Wiesen" in Weissensee.

Lärm

Vorher: Die Berliner Mauer hatte auch ihr Gutes, zum Beispiel als effektiver Lärmschutzwall. Die Ost-West-Achsen, auf denen sich heute ein Großteil des Verkehrs abspielt, waren abgeschnitten. Während die wenigen Trabis und Wartburgs einsam über die Magistralen des Ostens tuckerten, fehlten den West-Autos der nötige Auslauf.

Nachher: Lärm ist wegen des wachsenden Verkehrs ein Umweltproblem ersten Ranges geworden. Messungen ergaben, dass an 42 Prozent der Hauptverkehrsstraßen tagsüber Lärmwerte zwischen 65 und 70 Dezibel auftreten. Der kritische Wert für ein erhöhtes Herzinfarktrisiko liegt bei 65 dB(A). Betroffen sind tagsüber rund 168 000 Menschen. Etwa 25 000 Berliner werden auch nachts mit mehr als 65 dB (A) beschallt. Bei ihnen besteht akuter Handlungsbedarf. Betroffene haben die Verkehrsverwaltung bereits mehrfach erfolgreich verklagt. Die ist jedoch so gut wie ohnmächtig. Würde der Verkehr in einer Straße um die Hälfte sinken, ginge der Lärmpegel nur um 3 dB (A) zurück. THOMAS LOY

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