Berlin : 10 Jahre Berliner Umweltpolitik: Energiesparen aus Faulheit

Thomas Loy

Ein Resumee? Ist die Umweltsituation im Osten durch die Milliardentransfers und die viele Technik aus dem Goldenen Westen besser geworden? Ulrike Baumann betrachtet die Frage von allen Seiten, wiegt sie in der einen, dann in der anderen Gehirnhälfte, sucht in der etwas trockenen Luft der Teeküche nach Inspiration und schluckt den sperrigen Dreisilber "Resumee" schließlich unzerkaut herunter.

Nein, sowas wie Umwelt lässt sich nicht in einen Satz pressen, und was heißt schon besser oder schlechter? "Eigentlich haben sich nur die Schwerpunkte verlagert." Als Kind habe sie mal in der Spree gebadet, erinnert sich die 30-Jährige aus Prenzlauer Berg mit Schaudern. Heute würde sie ihre empfindliche Haut nicht mal mehr in den Müggelsee tunken. Man weiß einfach zuviel. Das heißt nicht, dass früher, in der DDR, glücklich-ahnungslose Menschen gelebt hätten. In den 80er Jahren sei das Umweltbewusstsein auch im Sozialismus aufgeblüht - nur blieb vieles an der Oberfläche des sinnlich Erfahrbaren, weil darunter die Stasi lauerte.

Ulrike Baumann ist ein Naturfan, fährt gerne ins Umland, um zu wandern, in sauberem Wasser zu baden oder zu paddeln. Das tat sie schon vor der Wende, nur war es damals einfacher. Man gab das Faltboot bei der Reichsbahn als Gepäckstück auf und stieg an einem Haltepunkt bei Lychen oder sonstwo aus. Heute gibt es die Bahnstrecke Lychen - Templin nicht mehr, und viele Haltepunkte sind gestrichen worden. Ulrike Baumann kann sich als Studentin der Ur- und Frühgeschichte kein Auto leisten, will es auch gar nicht. Also muss die Brandenburger Natur öfters ohne sie auskommen und dafür die Abgase von Zehntausenden autonom reisender Ausflügler ertragen.

Überhaupt, der Autoverkehr. Früher konnte die Studentin in der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg bei offenem Fenster schlafen, heute geht das nicht mehr. Als Anfang der 90er Jahre die neuen Bundesbürger den Gebrauchtwagenmarkt leer fegten, sei sie angesichts der ungewohnten Blechschlangen fast aggressiv geworden. Heute hat sie sich an den Verkehr gewöhnt. Weil die BVG-Tickets zu teuer wurden, stieg sie aufs Fahrrad um. Klar, die Luft ist besser geworden. Davon hätten viele Lungenkranke profitiert, aber ist das Ende der Ofenheizung wirklich Umweltschutz? Ulrike Baumann hat ihr Leben lang Braunkohle treppauf geschleppt und weiß, dass Ofenheizer aus schlichter Faulheit die sparsamsten Energieverbraucher sind.

Und was ist mit den Allergien? Die undurchschaubare Flut von Zusatz-, Duft und Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern, Emulgatoren oder Hormonen - wer blickt da noch durch? Ulrike Baumann jedenfalls nicht mehr, deshalb hat sie sich einer Food-Kooperative angeschlossen und erhält einmal die Woche Gemüse per Abo-Kiste vom Bio-Bauern. Sowas, immerhin, gab es früher nicht. Es gab auch keine Pflanzenkläranlagen, aber was helfen die, wenn per Zwang der Anschluss an das zentrale Abwassernetz durchgedrückt wird? Schönere Spielplätze, interessantere Parkanlagen, sanierte Häuser - ein ästhetischer Gewinn, sicher, aber dafür sind viele unbebaute Grundstücke verschwunden.

Sehr zwiespältig fällt Ulrike Baumanns persönliche Umweltbilanz aus, wobei das Wort Bilanz an Resumee erinnert und deshalb zu streichen ist. Die Hoffnung jedenfalls, aus dem Goldenen Westen mit Verkehrsberuhigung, sauberen Badeseen und gesunden Lebensmitteln beschenkt zu werden, hätten sich nicht erfüllt.

Dafür machte sich nach dem Mauerfall vielerorts überflüssiger Luxus breit. Das untergegangene Deutschland war so schlecht nicht, findet die Geschichtsstudentin Ulrike Baumann. Unbeabsichtigt ließ man der Natur ihre Refugien, verzichtete mangels Geld auf neue Autobahnen, schöne Einfamilienhäuser und schicke Bahnhöfe. "Aber dafür hat man Sportler gedopt." Was soll man da sagen?

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