Berlin : 10 Jahre Diepgen: Wie macht der das bloß?

Die Gespräche führte U. Zawatka-Gerlach.

Heute vor zehn Jahren wurde Eberhard Diepgen zum Regierenden Bürgermeister gewählt. Der CDU-Politiker hat große Ausdauer bewiesen. Bevor ihn die rot-grüne Koalition unter Walter Momper zeitweilig des Amtes erhob, war er schon einmal Regierungschef: vom 9. Februar 1984 bis 2. März 1989. Langjährige politische Weggefährten - Freunde und Gegner - haben uns erzählt, was ihnen zum "Dauerbrenner" Diepgen einfällt.

Hanna-Renate Laurien, ehemalige Bürgermeisterin, Schulsenatorin und stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende, kennt Diepgen seit dessen frühen Parteijahren

"Was ist denn das für ein freches, unwissendes Luder, habe ich gedacht, als ich ihn das erste Mal erlebte. Aber psst, nicht weitersagen, denn dieser erste Eindruck hat sich rasch verflüchtigt. Diepgen ist unglaublich fleißig und von großer Vorsicht bestimmt. Er kümmert sich wirklich um jede Kleinigkeit, Anregungen nimmt er auf. Aber wissen Sie, was ich glaube? Im tiefsten Herzen misstraut Diepgen den Menschen, er lässt jeden sofort spüren, welche Einstellung er zu ihm hat. Wir beide haben ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Das glauben manche nicht, weil Diepgen und ich Anfang 1984 beide Regierender Bürgermeister werden wollten. Wir haben es aber geschafft, uns nicht gegenseitig zu beschädigen.

Auf Diepgen konnte ich mich immer verlassen. Zum Beispiel, als der CDU-Mann Wolfgang Antes - der wenig später den großen Korruptionsskandal in Berlin auslöste - in die Schulverwaltung übernommen werden sollte. Ich lehnte das aus einem dienstrechtlichen Grund strikt ab. Diepgen war furchtbar aufgeregt, fürchtete einen Aufstand in der CDU-Fraktion, aber er hielt zu mir und setzte eine Vertagung des Problems durch. Kurz darauf flog Antes auf. Amüsieren kann ich mich immer wieder darüber, wie hinreißend amusisch Diepgen ist. Aber er ist im Lauf seiner Amtszeit viel freier geworden, er kann zuhören und ist bei den Leuten auch deshalb so beliebt, weil er nicht herumprotzt und echt berlinisch ist. Als er im Bundesrat für die Steuerreform stimmte, war ich über Diepgen entsetzt und schickte ihm einen gepfefferten Brief. Er schrieb zurück und hat mich überzeugt. Er ist kein politischer Opportunist."

Walter Momper, Vize-Präsident des Abgeordnetenhauses, war 1989/90 Regierender Bürgermeister

"Er ist ein Überlebenskünstler, da hat er meine sportliche Anerkennung. Wie oft wurde in der CDU an Diepgens Stuhl gesägt, aber seine Gegner bekamen das Heft des Handelns nie in die Hand. Man muss auch neidlos anerkennen, dass Diepgen das schwierige Jahrzehnt seit 1990 so administriert hat, dass es keine großen sozialen Verwerfungen gab. Das war eine Leistung. Wer ein Regierungsamt so lange inne hat, neigt allerdings dazu, übervorsichtig zu werden. Sich aus der Deckung hervorzuwagen ist Diepgens Sache nicht. Persönlich habe ich keine Probleme mit ihm. Diepgen eher mit mir. Wie er sich verändert hat mit den Jahren? Introvertierter ist er geworden. Zögernder und zaudernder."

Klaus Landowsky, CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, kennt Diepgen seit 1962 vom Jurastudium an der Freien Universität

"Hätte ich ihn erst viel später kennengelernt, wären wir uns wahrscheinlich nicht so nahe gekommen. Aber damals waren wir beide nichts und konnten nicht damit rechnen, etwas zu werden. So entwickelte sich eine Beziehung ohne Misstrauen und Eigennutz. Diepgen ist, wie ich, nicht einfach zu nehmen. Und mit den Jahren ist er unzugänglicher, bindungsärmer geworden. Abwägender und weiser aber auch. Mit dem Alter wird man sowieso liberaler und toleranter. Diepgen ist ein Mensch mit einer calvinistischen, preußischen Grundhaltung: Dienen, sich zurücknehmen, den Konsens suchen.

Mit den eigenen Leuten geht er übrigens kritischer um als mit dem politischen Gegner. Da ist er wohl bei Richard von Weizsäcker in die Lehre gegangen. Ich finde es phänomenal, wie Diepgen in Berlin akzeptiert wird, bis weit in die PDS-Wählerschaft hinein. Seine größte Lebensenttäuschung war es, am Tag des Mauerfalls nicht Regierender Bürgermeister gewesen zu sein. Diese bittere Erfahrung gab uns beiden die notwendige tiefe Demut zurück. Seit 1990 betreibt Diepgen eine Politik, die allen das Gefühl gibt, dass er gerecht mit ihnen umgeht. Er wird in die Berliner Geschichte als der Regierende Bürgermeister eingehen, der Ost und West zusammengeführt hat."

Wolfgang Wieland, Fraktionschef der Grünen, ist Diepgens politischer Gegner seit den achtziger Jahren

"Der Mann ist ein Phänomen und wurde von uns, den Alternativen, anfangs völlig unterschätzt. Als Mann mit dem Ölkännchen, als blasser Eberhard, der sich nicht lange halten wird. Wir haben gejohlt, als er öffentlich erklärte, er bleibe Regierungschef bis 2000. Diepgens großer Vorteil war von Beginn an: Er wollte nie etwas anderes werden als Regierender Bürgermeister, er zeigte nie bundespolitische Ambitionen. In Berlin umgibt er sich gern mit schwächeren Politikern. Er hat immer eifersüchtig darauf geachtet, dass ihm nicht ein potentieller Nachfolger erwächst. Mal sehen, ob Finanzsenator Peter Kurth als "Kronprinz" durchhält oder ob er sich auch eine blutige Nase holt. Eines muss man Diepgen lassen; er ist immer gut informiert und vorbereitet. Beim Bearbeiten von Akten ist er Berlins Nummer 1. Er hat keine Visionen und keine zündenden Ideen. Vielleicht ist es ja diese Mittelmäßigkeit, die ihn so beliebt macht.

Elmar Pieroth, ehemaliger Finanz- und Wirtschaftssenator

"Diepgen ist von Jahr zu Jahr besser geworden. Er arbeitet unglaublich viel und nimmt sich systematisch ein Problem nach dem anderen vor. Das spüren die Menschen, das erklärt auch sein Ansehen. Ihm ist es gelungen, in den zehn komplizierten Jahren seit der Vereinigung den sozialen Frieden zu erhalten. Das war nicht selbstverständlich. Aber Diepgens größte Stärke - der Fleiß und die Ausdauer - ist auch seine Schwäche. Die große Linie rückt bei der vielen Alltagsarbeit zu sehr in den Hintergrund. Inzwischen weiß er aber besser als früher, dass nicht ein Mensch allein im Besitz der Wahrheit steht. Das könnte man Altersreife nennen."

Walter Rasch, in den siebziger und achtziger Jahren Fraktions- und Landeschef der FDP und Schulsenator

"1971 waren Diepgen, der spätere Finanzsenator Gerhard Kunz und ich die jüngsten Berliner Abgeordneten. Diepgen hat eine phänomenale Kenntnis der politischen Themen, bis tief ins Detail. Er konfrontiert nicht und trennt nicht. Er ist ein ausgleichender Mensch, aber äußerst beharrlich. Er gräbt so lange ohne großes öffentliches Aufhebens in einer Sache herum, bis er sein Ziel erreicht hat. In Berlin ist das Regieren aber auch mit viel Kleinkram verbunden und es dauert, bis man alle im Boot hat. Ich habe Diepgen meistens als freundlichen, geduldigen Koordinator erlebt. Er hat nie versucht, mich reinzulegen. Er führt nicht und begibt sich dadurch auch nicht in die Gefahr, sich und andere in Niederlagen hinein zu führen. Wahrscheinlich erhöht dieser Politikstil die Überlebenschancen. Ob Diepgen Schwächen hat? Er arbeitet zu viel und müsste mehr Flagge zeigen. Über die Jahre hat er sich trotzdem vom jungen, blassen Spargel zum respektierten Stadtvater entwickelt.

Peter Kittelmann, ehemaliger Bundestags- und Europaabgeordneter,bildete einst mit Diepgen und Landowsky den Kern der CDU-Betonfraktion

"Diepgen ist zuverlässig, willensstark und beharrlich und arbeitet auch dann noch auf ein bestimmtes Ziel hin, wenn es die anderen schon gar nicht mehr merken. Diepgen wusste schon während des Studiums, warum er etwas macht und hat es dann durchgezogen. Er ist immer perfekt vorbereitet, hat einen steten Informationsvorsprung und schießt nie aus der Hüfte. Und er hat das Image eines überparteilich agierenden Politikers. Aus Schwiegermutters Liebling, der Diepgen einst war, ist ein weiser Stadtvater geworden. Aber seinen Stil hat er nie ändern wollen. Ab und zu könnte er ruhig mal etwas konfliktbereiter sein. Außerdem arbeitet er zuviel und sein Privatleben könnte er etwas positiver, lockerer angehen.

Harald Wolf, PDS-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, früher bei den Grünen, ist mit Diepgen nie persönlich ins Gespräch gekommen

"Wir haben auf Empfängen schon mal ein unverbindliches Wort gewechselt. Diepgen ist für mich eine Art Kunstfigur, seine Rhetorik ist nur authentisch, wenn er sich so richtig ärgert. Sonst wirkt er oft aufgesetzt, spielt eine Rolle und appelliert an das Besondere des Berliner-Seins. Er ist wohl deshalb so polulär, weil er den Menschen vermittelt, dass sich unter ihm nichts Gravierendes verändert. Er ist der ruhende Pol in einer bewegten Berliner Landschaft. Die meisten denken, wir sind bisher gut mit Diepgen gefahren, mit ihm wird es schon nicht so hart kommen. Seine politische Flexibilität ist bewundernswert. Die vielen Interessengrüppchen in der Stadt auszubalancieren, bekommt Diepgen ganz gut hin. Präsidialer ist er inzwischen geworden. Zum echten Landesvater fehlt ihm das Charisma."

Volker Hassemer, ehemaliger Umwelt- und Kultursenator

"Ich frage mich, wie er das so lange aushalten konnte und kann. Berlin ist ja eine Stadt voller Leute, die irgendwie privat ihre eigenen Regierenden Bürgermeister sind. Das macht die Sache für die Politiker ungemütlich. Diepgen hat auf seine Weise auf dieses Phänomen reagiert. Er bringt es zustande, auch als Regierungschef von möglichst Vielem möglichst viele Details zu kennen. Ich habe das 13 Jahre am Senatstisch hautnah erlebt. Hier in Berlin erwischt ihn keiner so schnell auf dem falschen Fuß.

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