10 Jahre Regierungssitz : Als wären sie immer hier gewesen

Heute vor zehn Jahren tagte der Bundestag erstmals im Reichstag – es war der Start für den Umzug der Regierung. Heute scheint es, als wäre es niemals anders gewesen.

Ralf Schönball
Reichstag
Heute vor zehn Jahren tagte der Bundestag erstmals im Reichstag - es war der Start für den Umzug der Regierung. -Foto: dpa

Auf den Tag zehn Jahre ist es her: Am 19. April 1999 übergibt Architekt Sir Norman Foster Bundestagspräsident Wolfgang Thierse den symbolischen Schlüssel für das umgebaute Reichstagsgebäude, danach eröffnet Thierse die erste Sitzung des Deutschen Bundestages im neuen Plenarsaal. Es folgt der Bundeskanzler der rot-grünen Koalition: Gerhard Schröder gibt eine Regierungserklärung zur Vollendung der Einheit ab.

Im April 2009 hat der Regierungssitz Berlin nichts von seiner Faszination verloren: Die Besucher stehen immer noch in langen Schlangen vor dem Reichstag und richten ihre Kameras auf Kanzleramt und Parlamentsbauten im Spreebogen – 15 Millionen Menschen stiegen bis heute auf die neue Kuppel des Wallot-Baus. Und pünktlich zum Jubiläum wird mal wieder der Umzug der in Bonn verbliebenen sechs Bundesministerien gefordert. Dass der Bund in Berlin fast pünktlich und ohne das Budget zu sprengen ankommen würde, darauf hätte in den 90er Jahren niemand gewettet.

Von Schlendrian und Gigantomanie bei den Planungen für die Bundesbauten war da zu lesen. Im Haushaltsausschuss des Bundestages saßen die „schlimmsten Klemmer“, erinnert sich Peter Conradi, damals Sprecher der SPD in der Baukommission des Bundes. Und der in Berlin allmächtige Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) funkte dazwischen, wenn das neue Machtzentrum an der Spree sein Bild von Berlin gefährdete.

Am Ende zogen die Bremser und Klemmer den Kürzeren: Innerhalb von sieben Jahren wurden 3,5 Milliarden Euro für die Neubauten für Parlament und Ministerien aufgewendet. Der Bund stellte Manager aus der Wirtschaft ein und gründete eigens eine privatrechtlich organisierte Firma: die Bundesbaugesellschaft. Es entstanden spektakuläre Architektur und große Ingenieurleistungen: Fast das ganze „Regierungsviertel“ im Spreebogen wurde mit unterirdischen Straßen, Brücken und Wegen untertunnelt – damit die Lieferwagen nicht die Straßen von Mitte versperren, erzählt Baugesellschaft-Manager Bernhard Stokar von Neuforn. Auch das gelang: Niemand stöhnt über verstopfte Straßen und Regierungskolonnen. Es ist, als sei der Bund immer schon in Berlin gewesen.

Das Ergebnis ist verblüffend, dabei wurde so viel gestritten: über ganz Großes wie Architektur und Kosten und über Details. Zum Beispiel über den Bundesadler: Der Bonner Adler von Architekt Günter Behnisch oder Norman Fosters Berliner Artgenosse? Heute hängen beide einträchtig im Reichstag. Streit gab es auch über die Farbe der Stühle. Stararchitekt Norman Foster hatte ein edles Grau ausgewählt. Für Peter Conradi ein Dorn im Auge: „Graue Männer mit grauen Haaren in grauen Anzügen auf grauen Sesseln vor grauen Tischen auf grauem Teppich und rundherum graue Wände – wen packt da nicht das Grauen“, sagte er, erntete zustimmendes Gelächter – und die Stuhlfrage wurde zur Chefsache.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth begutachteten ein eigens eingerichtetes „Versuchsfeld“ mit Stühlen verschiedener Farben, Formen und Fabrikate. Das markante „Reichstags-Blue“ setzte sich durch, mit ausfahrbarer Sitzfläche, damit auch schwergewichtige Abgeordnete keine Beklemmungen bekommen. Die Stühle hatten sich am alten Regierungssitz in Bonn bewährt. Fosters neue Entwürfe fielen durch.

„Die Debatten zeigen, wie engagiert viele waren“, sagt der damalige „Umzugsminister“ Klaus Töpfer. Auch die Herkunft von Steinen für Fassaden und Böden war strittig: Verkraftet ein deutsches Parlament italienische Baustoffe? Für Töpfer keine Frage und keine Herzenssache – das war für ihn die Erhaltung der Berliner Baukultur. Als er im Jahr 1994 das Bauministerium übernahm, war der Neubau der meisten Bundesministerien so gut wie beschlossen. Ein Teil der Berliner Baugeschichte im Zentrum der Stadt sollte unter der Abrissbirne fallen.

„Wir wollten ja alle das Budget und den Zeitplan einhalten“, sagt Töpfer. Und mit diesem Druck erklären die Historiker heute, dass Töpfer sich mit seinem „Schwenk“ durchsetzen konnte: Der von 1992 bis 1994 ausgefochtene Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern des Abrisses von DDR- und Nazi-Bauten war erst beendet, als die Finanzplanung den Kostenrahmen auf 20 Milliarden D-Mark begrenzt habe, heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Neubauten wären teurer und die Realisierung zu langwierig gewesen. Hinter der Forderung nach Neubauten „verbargen sich die unvermindert tätigen Berlin-Gegner in den Verwaltungen“, so die Bundeszentrale.

Mit dem Kostenrahmen war die Giftliste von Töpfers Vorgängerin, Bauministerin Irmgard Schwaetzer (FDP), vom Tisch. Demnach sollten etwa die Reichsbank (heute Außenministerium), Reichsluftfahrtministerium (heute Finanzministerium) oder Staatsratsgebäude (heute European School of Management) abgerissen werden. „Es war nicht ganz einfach, den damaligen Bundesaußenminister davon zu überzeugen, die Erkennbarkeit der DDR-Geschichte im Stadtbild zu erhalten“, sagt Töpfer. Außenminister war damals Klaus Kinkel, wie Irmgard Schwaetzer gehörte er der FDP an.

„Eines unserer großen Anliegen war es, dass man an den Gebäuden die historische Entwicklung Berlins ablesen kann“, sagt Töpfer. Das ist gelungen: Vom Wirtschafts- und Verkehrsministerium angefangen, wo Neubauten die historischen Museums- und Krankenhausbauten ergänzen, bis zum Reichstag, wo die Inschriften russischer Soldaten nach der Eroberung Berlins 1945 heute noch sichtbar sind und die Einschusslöcher auch.

„Wenn ich Ausländer durch das Kanzleramt führe, staunen sie immer, dass Deutsche zu einer solchen Architektur fähig sind“, sagt Conradi. Und der SPD-Mann lobt ausdrücklich die Entscheidung Helmut Kohls für den Entwurf von Architekt Axel Schultes: „Ein Kanzleramt ist kein Finanzamt und kein Bürostall“, sagt Conradi. „Grauenvoll danebengegangen“ nennt er dafür das Bauministerium.

Vielleicht zog diese Fehlplanung, die Millionen an Sanierungskosten verschlang, deshalb so wenig Aufmerksamkeit auf sich, weil das Gebäude an der Invalidenstraße Kilometer vom Reichstag entfernt liegt. Das gilt auch für Innen-, Finanz- und Wirtschaftsministerium. Auch dies ist eine Folge des Beschlusses, historisches Erbe nicht preiszugeben. Für Berlin war das von unschätzbarem Wert: „Sonst wären Quartiere entstanden, wo ausschließlich Bundesbedienstete und Bundespolizei zu sehen sind“, sagt Conradi.

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