Berlin : 10 Jahre Währungsunion: Kein ruhiger Sitz auf dem Bankenboulevard

Björn Seeling

Vor zehn Jahren zog die D-Mark in die Berliner Allee in Weißensee ein. Nicht mit Trarara und Paukenschlag, sondern mit Tatütata und Blaulicht. Sparkassen und Banken wurden unter Polizeischutz mit neuem Geld beliefert. Vor und nach dem großen Tag sah sich unser Reporter in der Allee um, die noch den Namen des tschechoslowakischen KP-Führers Klement Gottwald trug. Auch in den Jahren danach war er um den Tag der Währungsunion dort unterwegs.

Wenn Humana ein Zeichen der neuen Zeit ist, dann hat die Berliner Allee die vergangenen zehn Jahre bestens überstanden. Denn das Warenhaus für gebrauchte Kleidung ist nun auch auf der wichtigsten Straße Weißensees zu finden. Allerdings mögen hier nicht alle in anderer Leute abgelegter Sachen stöbern. "Wer soll denn bei Humana kaufen?", fragt die Verkäuferin in einem Laden gegenüber, der ungetragene Kleidung verkauft. "Hier hat das keiner nötig." Und überhaupt, diese Ladenketten. "Früher war hier ein Einzelhändler neben dem anderen. Alteingesessene Geschäftsleute." Früher? "Ja, vor der D-Mark."

Der Countdown läuft. Noch 134 Stunden bis zur D-Mark. Die Verkäuferinnen in einem Konsumgeschäft bereiten sich auf einen langweiligen Arbeitstag vor. Sie werden kaum Umsatz machen, denn die Regale sind leergefegt.Der Filialleiterin ist das D-Mark-Sortiment ein Buch mit sieben Siegeln: "Die Ware wird uns von der Konsumorganisation zugeteilt." (26. Juni 1990)

Einer der letzten alten Geschäftsleute gibt einen Monat vor dem D-Mark-Jubiläum auf. "Totaler Räumungsverkauf" klebt in grellen Buchstaben auf den Schaufenstern. Über das Warum für das Ende nach harten Jahren Sozialismus und noch härteren des Kapitalismus möchte der Möbelhändler nicht sprechen. Er habe einem Anzeigenblatt alles gesagt, weiter hat er keinen Gesprächsbedarf.

Mit gemischten Gefühlen sieht eine Verkäuferin im (inzwischen abgerissenen - d. Red.) Kaufhaus Weißensee der Währungsunion entgegen. "Wir haben es nie gelernt, mit der Marktwirtschaft umzugehen. Viele werden in einen Kaufrausch verfallen und sich verschulden." (26. Juni 1990)

Gleich um die Ecke zeigt jemand Mitgefühl wegen des Endes des Möbelladens. "Die können einem ganz schön Leid tun", sagt Wilfried Fritko, der in seinem Laden für Modelleisenbahnen steht. Dabei kennt der 54-Jährige selbst das Klagelied, das Geschäftsleute an der Berliner Allee anstimmen, wenn sie nach der gegenwärtigen Lage gefragt werden. Aber Fritko mag es ungern singen. "Was soll man denn machen?"

Wilfried Fritko, der Verkäufer und in Personalunion "Gruppenleiter Modelleisenbahnen" eines Spielwarengeschäfts, zu dem sein Laden gehört, freut sich schon auf die neue Zeit. Die Lagerhaltung fällt weg. Wenn etwas zur Neige geht, genügt ein Anruf. Eine prompte Lieferung haben ihm die Spielwarenvertreter aus dem Westen garantiert. Für DDR-Erzeugnisse sieht er keine Schwierigkeiten. (29. Juni 1990)

Seit zehn Jahren krebst Fritko mit seinem Verkauf von Modellbahnsachen vor sich hin. Aber er lässt sich nicht entmutigen: Ich mache so lange weiter, wie es geht." Und wieder schwingt die Hoffnung auf besseren Zeiten mit. Nicht auszudenken, wenn er sein Lädchen schlösse! Wo sollten dann die Freunde der Minibahnen hin, wenn sie über die atemberaubendsten Lokomotiven fachsimpeln wollten? Denn bei Fritko trifft man sich auf ein Schwätzchen, auch, um über alte Zeiten zu sprechen. Fritko: "Früher hattest du Geld, aber es gab nichts zu kaufen. Heute kannst du alles haben, aber das Geld fehlt. Was ist nun besser?"

Der Polsterermeister ist unzufrieden mit den neuen Verhältnissen. Früher kämpfte der Handwerker darum, dass er nicht mehr als zwei Tage öffnen musste. Arbeit gab es genug, und mancher Kunde wartete zwei Jahre. "Heute würde ich am liebsten auch am Wochenende verkaufen, damit ich auf meinen Umsatz komme." (30. Juni 1991)

Die neue Geldzeit hat ihre Spuren auf dem Boulevard hinterlassen: Geschlossene Läden, deren verblassende Reklame vom todesmutigen Sprung in die Marktwirtschaft kündet, neue Gebäude mit Fassaden aus poliertem Naturstein und Erkerchen aus Plastikfenstern. Zahlreiche Transparente werben um Mieter für Büros und Wohnungen. Eine um die andere Bank lockt mit "Geld sofort" dazu, sich die kühnsten Träume zu ermöglichen. Aber eine Bank zum Ausruhen sucht man auf der Allee vergebens. Immerhin gibt es eine "Jeans Bank". Blaue Scheine gegen blaue Hosen.

In Weißensee muss seit der Währungsunion das große Geld zu Hause sein. So ziemlich alles, was Rang und Namen hat, ist mit einer Filiale vertreten. "Bankenboulevard" oder gar "Monetenmeile" spottet man inzwischen sogar. (1. Juli 1995)

Neue Zeit, altes Problem: der Verkehr. Schon zu Ostzeiten war die Berliner Allee frei von Parkplätzen. Sie gehörte zur Protokollstrecke, auf der die Damen und die Herren aus dem Politbüro im Volvo nach Wandlitz sausten. Zweispurig tost der Verkehr auch heute in beide Richtungen, und wie früher donnert auf dem Mittelstreifen die Straßenbahn. Der Fußgänger ist der Verlierer der Geschichte. Seit eh und je gibt es nur wenige Übergänge für ihn.

In der Klement-Gottwald-Allee schlängeln sich Autos an parkenden Lastwagen vorbei. Eine Dunstglocke hängt zwischen den Häuserfronten. Wo renoviert wurde, da erstrahlen die Fassaden in Weiß. (30. Juni 1991)

"Wenn doch die Kundschaft wenigstens vor der Tür parken könnte," ärgert sich die Chefin eines ganz anderen Geschäfts für mehr oder minder harte Sachen, das erst nach der Währungsunion eröffnet hat. "Wer kommt denn schon gern wieder, wenn er einen Strafzettel an der Scheibe vorfindet?!" Ein Sex-Shop mit Verkehrsproblemen - Dank der Währungsunion.

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