Berlin : 10 Jahre Währungsunion: Wie die D-Mark in die Lichtenberger Sparkasse kam

Bernd Matthies

Da stürzen sich nun alle auf den 1. Juli, den D-Mark-Day. War das nicht furchtbar anstrengend damals, vor zehn Jahren? Und dann sagen die, die hinter den Bankschaltern gesessen und die Millionen abgearbeitet haben, nein, wieso denn? Anstrengend waren eigentlich die Wochen davor. "Wir haben monatelang mit der Vorbereitung zu tun gehabt", sagt Sabine Köcher, die damalige Leiterin der Sparkassen-Filiale in der Frankfurter Allee in Lichtenberg, "denn die Kunden haben ja weniger für den Geldumtausch angestanden, sondern mehr, um ihre Konten für den Umtausch anzumelden, das war die größte und schlimmste Aktion." Auch Bargeld musste für den späteren Umtausch aufs Konto eingezahlt werden. Folglich standen die Kunden rund ums Haus, und abends kam die Polizei, um den Unmut all jener zu dämpfen, die wieder nicht zum Zuge gekommen waren. "Dann habe ich mich manchmal als Letzte in die Schlange gestellt und gesagt, hier keiner mehr, und dann habe ich all den Frust abbekommen".

Das Hauptproblem der Währungsunion aus Sicht der DDR-Bewohner bestand darin, dass sie nichts Genaues wussten und deshalb erst einmal jedem Gerücht glaubten. Im Frühjahr 1990 besagte eines dieser Gerüchte, je mehr Konten man habe, desto mehr bekomme man auch umgetauscht. Also schwappte eine Welle von Konteneröffnungen in die Filialen; jedes brave Gemeinschaftskonto wurde geteilt, Opa, Oma und die Kinder bekamen je ein eigenes - am Ende völlig sinnlos, aber mit einem Berg von Arbeit verbunden. Sabine Köcher erinnert sich, dass ihr Arbeitstag in diesen Wochen von morgens sieben bis nachts um zehn oder elf dauerte: "Die Familie wurden zurückgestellt, und wir haben die Arbeit erledigt, egal, was kam." Und wenn abends doch irgendwann geschlossen wurde, drängten die Abgewiesenen durch einen Nebeneingang wieder herein.

Um wieviel Geld ging es denn überhaupt? "Nicht die Summen, über die heute teilweise verfügt wird", sagt Sabine Köcher im Rückblick. Doch fünfstellige Beträge waren nicht selten, und insofern gab es einiges umzubuchen und auszuzahlen. Und als dann der 1. Juli kam, wurde es nicht nur am Alexanderplatz eng, wo bei der Deutschen Bank die ersten D-Mark-Scheine bereits gegen Mitternacht über den Tresen gingen. In Lichtenberg wurde die Sonntagsruhe weniger symbolkräftig erst um neun Uhr aufgehoben. "Wir haben die Tür aufgemacht, alle stürzten rein in die Filiale, und ein paar ältere Leute ganz vorn wurden überrannt", erinnert sich eine Mitarbeiterin, die damals an der Kasse saß, "bei mir stand der erste Kunde, und seine Frau kam mit dem Fotoapparat und hat ihn fotografiert, wie er das Geld so vor sich auffächerte".

Zu dieser Zeit waren die Berliner Sparkassen noch in Ost und West getrennt - aber nicht ohne historische Verknüpfungen. Die Nummerierung der Filialen nach Bezirken beispielsweise war über die Jahrzehnte der Spaltung erhalten geblieben und konnte so ohne Probleme weiter geführt werden. Anderes musste rasch geändert werden. Jens Süfke, der jetzige Leiter der Filialdirektion Ost 2, einer der ersten Abgesandten aus West-Berlin, erinnert sich an seltsame Einrichtungen: "In Hellersdorf und Marzahn gab es keine Gewerberäume. Ich habe vier Filialen vorgefunden, die waren im ersten Stock, über den Flur getrennt, zwei Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen." Eine andere lag auf dem Gelände der Elektrokohle Lichtenberg, hinter der Schranke, "ich hab immer gesagt, man muss erst den Blaumann anziehen, um auf das Gelände zu kommen", sagt Süfke. Und auch die Kassen mit Sehschlitzen im DDR-Staatssicherheitsstil sahen seltsam aus, dafür richteten sich die Öffnungszeiten nach dem Schichtplan der Arbeiter, die so leicht an Bares kamen. Die neuen Chefs aus dem Westen verlegten die Filiale dennoch nach draußen, allgemein zugänglich.

Für die Mitarbeiter der Ost-Sparkasse, überwiegend Frauen, war der 1. Juli Ende und Anfang gleichermaßen. Denn danach war nichts mehr wie vorher, die sorgfältige Ausbildung nach DDR-Maßstäben praktisch umsonst. "Wir haben unseren Beruf neu erlernen müssen", sagt Sabine Köcher; wo es früher nur um die akkurate Kontenführung ging, waren nun Kredite und Hypotheken zu vergeben, Wertpapiere zu kaufen. Es wurde hart: Die Frauen mussten sich die Grundlagen zunächst nach der Arbeit in Abendkursen eintrichtern lassen, erst später, als das West-Niveau erreicht war, kam die reguläre Fortbildung während der Arbeitszeit hinzu. Inzwischen, so freut sich Süfke, leiten die ersten Lehrlinge aus der Zeit des Neuanfangs eigene Filialen. "Noch kleine zwar, aber immerhin."

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