Berlin : 100 000 Lux

Fernreise, Grillparty oder WM-Gucken im Biergarten – und die Sonne knallt aufs Haupt. Aber das ist nicht nur ungesund! Was das Licht mit dem Körper anstellt, eine Menge Tipps vorsichtshalber, und was es mit der ABCD-Regel auf sich hat

-

SONNE UND HAUT

UV-Strahlung ist nicht automatisch böse – warum es auf die Dosis ankommt

Sonne und Haut, das ergibt nicht sofort Hautkrebs. Sich zu sonnen, das kann auch gut tun. Die Sonne kann sogar heilen. „Ich gehöre nicht zu den Hautärzten, die die Sonne ganz und gar verdammen“, sagt zum Beispiel Eggert Stockfleth, Sprecher des Hauttumorzentrums der Charité. Eine Komponente des Sonnenlichts, die UVA-Strahlung, wird zum Beispiel zur Behandlung von Schuppenflechte und Neurodermitis genutzt.

Selbst geringe Sonneneinstrahlung bewirkt zwar Schäden am menschlichen Erbmaterial – aber in den allermeisten Fällen werden sie gleich wieder repariert. Jeder Mensch sollte aber über sein persönliches Gefährdungspotenzial Bescheid wissen. „Besonders gefährdet sind Hellhäutige vom Hauttyp I, die nicht braun werden und deren Haut nur eine geringe Reparaturfähigkeit hat“, sagt Eggert Stockfleth. Sie sollten nicht länger als zehn Minuten in der prallen Sonne bleiben, während der mediterrane Hauttyp IV am anderen Ende der vierstufigen Skala möglicherweise eine Stunde verträgt. „Die Mittagssonne sollte man aber unbedingt meiden.“

Die mit Abstand häufigste Veränderung, die der Aufenthalt in der Sonne bewirken kann, ist der Helle Hautkrebs. Unter diesem Begriff fassen Mediziner mehrere Arten von Hautkrebs zusammen. Da ist zunächst die „aktinische Keratose“, eine Frühform, bei der die Veränderung auf die oberste Hautschicht beschränkt ist. Dringt der Tumor in tiefere Gewebeschichten ein, sprechen die Mediziner vom „invasiven Plattenepithelkarzinom“. Das „Basalzellkarzinom“ entwickelt sich aus Zellen der unteren Hornschicht. Jahr für Jahr nimmt der Helle Hautkrebs in Europa um zehn Prozent zu. Risikofaktoren sind Sonnenbrände in der Kindheit und das Freizeitverhalten. „Man muss sich das wie ein Konto vorstellen: Alles, was die Leute auf dieses Sonnenkonto einzahlen, addiert sich.“ Früh entdeckt, besteht aber eine fast hundertprozentige Heilungschance.

Und auch die Überlebenswahrscheinlichkeit bei der gefürchtetsten Form, dem Malignen Melanom oder Schwarzen Hautkrebs, ist heute deutlich erhöht. Für die Früherkennung empfehlen Ärzte die ABCD-Regel: Achte bei Muttermalen auf Asymmetrie, mangelnde Begrenzung, uneinheitliche Pigmentierung (Colour) und Durchmesser. Misst das Mal mehr als 0,5 Zentimeter, sollte man zum Arzt gehen.

SONNE UND PSYCHE

Warum die Sonne der Seele gut tut

Eine Studie an jungen gesunden Freiwilligen hat ergeben, dass ihnen im Sommer drei Stunden weniger Schlaf genügen. Der Grund: Das Tageslicht beeinflusst über spezielle Netzhautrezeptoren biologische Abläufe. Das Sonnenlicht ist damit einer der wichtigsten Taktgeber für unseren Biorhythmus. Mehr Licht, das lässt deshalb den gesamten Organismus nicht unbeeindruckt: „Im Frühsommer freuen wir uns nicht allein über die bunten Farben der Natur, sondern zeigen auch auf der knallharten Ebene der Biologie deutliche Veränderungen“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im Berliner St. Hedwig Krankenhaus.

Wenn die Tage im Herbst kürzer werden, bewirkt der Lichtmangel eine höhere Produktion des Schlafhormons Melatonin im Körper. Dieser Mechanismus bewirkt, dass wir müde werden, wenn es dunkel wird – kann aber auch eine Winterdepression herbeirufen. Es werden aber nicht allein der Schlaf, sondern auch Appetit und Wohlbefinden vom Licht beeinträchtigt. Und wenn hierzulande ein Viertel der Bevölkerung darüber berichtet, dass im Winter die Müdigkeit zunimmt, die Stimmung in den Keller und das Körpergewicht in die Höhe geht, wundert Kunz das gar nicht. „Ich finde es eher erstaunlich, dass 75 Prozent der Menschen diese Schwankungen nicht spüren“, sagt er.

Betroffenen können dann zum Beispiel Lampen helfen, die 10 000 Lux abgeben – so viel Licht wie von 10 000 Kerzen. Das helle Licht bringt bei richtiger Anwendung die innere Uhr wieder in ihren Takt und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Hirnbotenstoff Serotonin wieder in höherer Konzentration vorliegt, an dem es bei Depressionen mangelt. Die Sommermittagssonne aber ist mit 100 000 Lux selbst durch starke Lampen nicht zu übertreffen.

SONNE UND HORMONE

Warum wir ohne Licht keine festen Knochen hätten

Vitamin D ist ein Vitamin, mit dem wir uns allein durch gesundes Essen nicht ausreichend versorgen können. Es ist zwar in einigen Nahrungsmitteln wie Lebertran, Öl oder Eigelb enthalten, wir zehren aber vor allem vom Vitamin D3, das in der Haut gebildet wird, wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Die ultraviolette Strahlung setzt eine photochemische Reaktion in Gang, bei der aus einer Vorstufe in der Haut das Vitamin entsteht. Diese Vorstufe, das so genannte Provitamin 7-Dehydrocholesterol, ist ihrerseits ebenfalls ein Zwischenprodukt, und zwar eines, das bei der Herstellung von Cholesterin entsteht. In der Leber wird das Vitamin anschließend in eine Form umgewandelt, die im Blut transportiert werden kann. Nach einer weiteren Umwandlung in der Niere entsteht dann die biologisch aktive Form des Vitamins. Dem kam in den 1920er Jahren der Göttinger Chemiker Adolf Windaus auf die Spur, der 1928 mit dem Nobelpreis belohnt wurde.

Vitamin D steigert die Fähigkeit des Magen-Darm-Trakts, Kalzium aufzunehmen. Fehlt es, muss Kalzium aus dem Knochen mobilisiert werden. Die Folgen sah man zu Beginn des Industriezeitalters bei Großstadtkindern, die allenfalls auf dunklen Hinterhöfen spielen konnten. Es kam zur Störung des Kalzium-Phosphat-Haushalts – und damit zur gefürchteten Rachitis. Die Kinder fielen durch verbogene Wirbelsäulen auf und lernten später krabbeln und laufen als Kinder, die mit mehr Licht aufwachsen durften.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass Vitamin-D-Mangel aber auch zu Muskelschwäche führen kann. Auch das Herz ist ein Muskel, und Studien geben Hinweise darauf, dass Vitamin-D-Mangel der Herzschwäche Vorschub leistet. „Mäuse, die man so manipulierte, dass sie kein Vitamin D mehr aufnehmen konnten, bekamen neben Herzleiden aber auch Krebs, Diabetes, Muskelschwäche und eine Veränderung des Immunsystems“, berichtet Armin Zittermann vom Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen. Er hat die Lebensgewohnheiten von Herzkranken und gleichaltrigen Gesunden untersucht und festgestellt, dass die Herzpatienten in ihrem Leben deutlich weniger Sonne abbekommen hatten. Zum Beispiel hatten sie seltener Sommerurlaub gemacht.

50 bis 100 Mikrogramm Vitamin D sollten wir möglichst pro Tag aufnehmen. Zehn Minuten an der Sonne genügen, allerdings möglichst nicht nur mit Gesicht und Händen, sondern mit einem Viertel der Körperoberfläche, sagt der Experte. Kein Wunder, dass der Speicher sich in unseren Breiten gegen Ende des Winters deutlich leert. Unser Bedürfnis, in der warmen Jahreszeit Sonne zu tanken, ist also an sich nicht unvernünftig. „Damit plädiere ich aber nicht für längere Sonnenbäder, die bringen für die Vitamin-D-Versorgung nämlich nichts“, warnt Zittermann.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben