Berlin : 1000 Seiten, 100 Jahre: It’s Bloomsday

Zum Jubiläum spielen James-Joyce-Fans im Tacheles eine Szene des „Ulysses“ – mit Huren und Familie

Guido Schirmeyer

Der goldene Saal im Kulturhaus Tacheles verwandelt sich ab heute in ein irisches Bordell im Stil des frühen 19. Jahrhunderts. Zum 100. Geburtstag des „Ulysses“, der „Bibel der Weltliteratur“, zelebrieren Schöneberger James-Joyce-Anhänger im vierten Jahr den „Bloomsday“ in Berlin, jenen Tag, an dem das tausendseitige Buch spielt: den 16. Juni 1904. Regisseurin Anna Zimmer inszeniert mit 16 Schauspielern Bellas Bordell, einen der Orte, den der Romanheld auf seiner Odyssee durch Dublin besucht.

Die Produzentin der Joyce-Sause, Julia Scarlett Lindig, hat ihren Joyce schon oft gelesen. Vom vielen Nachschlagen ist ihre Ulysses-Schwarte ganz zerfleddert. Wenn sie nicht Bloomsday feiert, führt Lindig die Internet-Agentur „actorscut“, produziert Webseiten, coacht Siemens- Führungskräfte und lässt seit drei Jahren zwei Schauspieler (Inga Dietrich und Timo Sturm) in ihrem Büro den „Ulysses“ vorlesen. Jeden ersten Freitag im Monat um 20.07 Uhr scharen die Joycianer dreißig Ulysses-Liebhaber um sich, unter ihnen Lindigs 18-jähriger Sohn Vincent – selbst Hiphopper finden „Ulysses“ cool.

Aus Julia Scarlett Lindigs Joyce-Sause ist ein Familienunternehmen geworden: Lindigs Mann, Filmarchitekt Alexander Manasse, sorgt fürs Bühnenbild, Sohn Tuli (8) spielt im Bloomsday-Familientheater den toten Sohn, die Nichte Violetta tanzt Can-Can. Und Lindigs Mutter, die 79-jährige Ola Lindig, mimt den Geist der Blooms-Mutter. Eine James-Joyce- Puppe wacht als Maskottchen über der Runde. „Es gibt nichts Besseres als den Ulysses“, schwört Protagonist Timo Sturm, der seit drei Jahren den Bloom mimt.

16., 18., 19.6. ab 19 Uhr - open end im Tacheles 14 (erm. 9) Euro, Tel. 787 14 719. Weitere Termine rund um den Bloomsday: 15.6. Hayden Chisholm mit der Gruppe ROOT 70 in der Kalkscheune 22.-26.6. Paul O´Hanrahan „16 June, 1904“, Friends of Italian Opera, Fidicinstr., Kreuzberg.

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