Berlin : 100er Bus: Sturm auf den Großen Gelben

hema

"Feiern Sie mit uns", stand auf den verpackten Mini-Lebkuchen, die gestern die BVG am Bahnhof Zoo nebst Infomaterial verteilte. Die Menge an der Haltestelle des 100er Busses grabschte danach, als hätte sie schwere Not vor oder hinter sich. Die BVG hatte zum zehnjährigen Jubiläum ihrer Buslinie 100 allerlei "Aktivitäten in den Fahrzeugen" versprochen. Doch Aktivitäten entwickelten zunächst die Fahrgäste, die den ankommenden Bus der Feier-Linie erstürmten. Im dichten Schulterschluss genoss man dann bei der Fahrt durch das Stadtzentrum eine Aktivität der BVG - eine professionelle Stadtbild-Erklärerin.

Die Fremdenführerin klärte die Fahrgäste aus aller Welt unter anderem über das bayerischen Streich mit einem völlig verkrüppelten Weihnachtsbaum am Breitscheidplatz auf, und dann über den Zoo, der mit 17 000 Tierarten der artensreichste der Welt ist. Dass ein Drittel Berlins aus Erholungsflächen besteht und dazu auch die Friedhöfe gehören, brachte ihr etwas Ärger. "Der richtige Witz zum Totensonntag", sagte eine Frau empört. Doch sie wurde niedergezischt von einer anderen Dame, die bat, "das doch nicht so verbissen zu sehen". Bis zum Alexanderplatz waren die Wogen längst wieder geglättet. Unterwegs hatte man noch erfahren, dass "Ulrich Meyer von SAT 1 Hausverbot im Reichstag hat", die CDU-Bundeszentrale "ein Schiff in eine neue Zeit" ist und die Berliner den "Tierpark" - gemeint war der Tiergarten - Friedrich dem Großen verdanken, der 1 Meter 58 klein war. Und die Berliner im Bus hörten wieder einmal verwundert, dass sie die Kongresshalle "schwangere Auster" nennen und den Glockenturm daneben "Big-Daimler". Auf der Rückfahrt im proppevollen 100er in Richtung Zoo wurde nicht stadtgebildet, das spendierte die BVG wohl nur von West nach Ost. Dafür hörte man, dass der Busfahrer Stefan heisst und von Fahrgästen mit Gummibärchen beschenkt wurde. Am Pariser Platz wurde er von vielen Fahrgästen verlassen, dort winkte die nächste Aktivität - Erbsensuppe umsonst und BVG-Devotionalien gegen Bares. Auch eine Petition konnte man unterschreiben. Nicht dafür, dass der 100er wieder bis nach Mitternacht fährt, sondern dass der Imbissstand erhalten bleibt. Der bot Bockwurst für stolze 4 Mark 50 und weit und breit keinen Abfallkorb.

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