Berlin : 111 Frauen in einer Minute geküsst Die Liebe der Berliner zum Guiness-Rekord

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Immer an der Wand lang. Das rekordverdächtige Tryptichon. Foto: Mike Wolff
Immer an der Wand lang. Das rekordverdächtige Tryptichon. Foto: Mike Wolff

Zum Berliner Selbstverständnis gehört es zweifellos, auf so vielen Sektoren wie möglich führend zu sein. Das Guinness-Buch der Rekorde ist dafür ein Beweismittel, es dokumentiert Spitzenleistungen, die ohne es nie stattgefunden hätten. Die letzte einschlägige Anstrengung vor dem Friedrichsfelder Tryptichon betraf eine fünf Meter lange und 800 Kilo schwere Bassgitarre, die seit Juni vor der Hellersdorfer Caspar-David-FriedrichSchule auf deren musisches Profil hinweist.

Der alte Berliner Dominostein-Umfall-Rekord (28 900) wurde 2012 im hessischen Kefenrod überboten, dafür steht offenbar der hier erreichte Rekord im Schnellküssen von 2009 noch: 111 Frauen in einer Minute. Der Berliner Grafiker Albert Schlotz, auf Wetteranimationen spezialisiert, kann mit bloßem Auge 500 Abstufungen der Farbe Grau, also „500 Shades of Grey“ unterscheiden, und das ohne erotischen Unterton. 2008 sollen 100 000 Berliner Kinder Bilder zum Thema Verkehrssicherheit gemalt haben, die dann zusammengeklebt 37 Kilometer lang waren. Manches Berliner Ereignis ist an sich rekordreif, und ein kleiner Impuls über die massenhafte Anwesenheit hinaus reicht für die Aufnahme: 306 000 Menschen waren 2010 auf der WM-Fanmeile, und mehr als 100 000 von ihnen sangen unter Anleitung „We will rock you“. Berliner waren beteiligt, als 2007 43 000 Deutsche gleichzeitig Cha-Cha tanzten, und der Münsteraner Thomas Großerichter beendete Silvester 2012 seinen Versuch, die Welt in 105 Tagen zu umradeln, vor dem Brandenburger Tor.

Die Quellenlage ist aber oft ungünstig: Die Absicht, einen Rekord aufzustellen, wird häufiger vermeldet als der Vollzug. 2001 wollten zwei Barkeeper beim Gauklerfest 6000 Cocktails in weniger als zehn Stunden und 14 Minuten mixen – das Ergebnis verliert sich in den Weiten der Archive. Und dass der Bundestag fürs Verabschieden des Meldegesetzes 2012 nur 57 Minuten gebraucht hat, mag sein – aber die Aufnahme dieses Rekords ins Buch war nur Satire. Bernd Matthies

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