125 Jahre Ku'damm (4) : Hier traf der Bürger die Übermenschen

Von Café Größenwahn zu Mampes guter Stube: Die Rolle des Ku’damms in Literatur und Malerei.

von
Das verbirgt sich hinter der Hausnummer 171.
Das verbirgt sich hinter der Hausnummer 171.Fotos: Kitty Kleist-Heinrich und Doris Spiekermann-Klaas

Der Traum jedes kulturbeflissenen Gastronomen sieht so aus: „Es war, als wenn die Marmortische mit süßem Leim bestrichen wären, auf den die geistig bedeutenden Fliegen Berlins krochen und kleben blieben.“ Ernst Pauly hieß der Glückliche. 1904 hatte er an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße, am späteren Kranzler-Eck, das „Café des Westens“ übernommen und es dank behutsamen Ausbaus verstanden, dessen acht Jahre zuvor mit einem Künstlerstammtisch begründete Tradition als Treffpunkt der Kulturszene fortzuführen. Aber was heißt Kultur! „Café Größenwahn“, so der inoffizielle Name, war Avantgarde pur, das erste geistige Zentrum des Neuen Westens, Gegenpol zu den etablierten, der Tradition verpflichteten Treffpunkten der geistigen Elite. Hier hatte Ernst von Wolzogen im Jahr 1900 mit dem „Überbrettl“ das erste deutsche Kabarett gegründet, hier wurden die Ideen zu den Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“, den Zentralorganen des Expressionismus, entwickelt. Hier verkehrten Else Lasker-Schüler, Carl Sternheim, Frank Wedekind, Walter Benjamin, Wieland Herzfelde, sein Bruder John Heartfield, George Grosz und viele andere kluge Köpfe. Kurz: Es war „das Café der Übermenschen, der Revolutionäre des Geistes, der Dichter und Künstler mit dem langwallenden Haupthaar und der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen mit dem kurzgeschorenen Haar“, wie es 1912 in dem Reiseführer „Berlin für Kenner“ hieß. Doch trotz aller kulturrevolutionären Attitüde: Dieser Mittelpunkt der Boheme verschloss sich nicht dem bürgerlichen Publikum – im Gegenteil. Ohne dessen Finanzkraft hätte mancher Hungerkünstler kaum überleben können, und sei es, dass ein mäzenatisch gesinnter Gönner ihm die Zeche zahlte.

Ohnehin schien der Kurfürstendamm schon bald ein Ort zu sein, der die Schöpfer neuer, oft wegweisender Kultur in besonderer Weise anlockte. 1905 zog die Künstlergruppe der Berliner Secession um Max Liebermann zum Kurfürstendamm 208/209, aus dem Bau wurde 1921 das „Theater am Kurfürstendamm“. Café Größenwahn war da längst Geschichte, in seiner Rolle als Zentrum avantgardistischer Kultur abgelöst durchs „Romanische Café“, Kurfürstendamm 238 – dort, wo heute das Europacenter steht. Damals wurde der Boulevard zur wichtigsten Amüsiermeile der Stadt, Filmpaläste, Revuetheater, Vergnügungs- und Kulturstätten reihten sich dicht an dicht. Doch hier entstand auch Weltliteratur: In „Mampes guter Stube“, Nummer 14/15, schrieb Joseph Roth 1932 große Teile seines Romans „Radetzkymarsch“, in Nummer 217 Robert Musil zur gleichen Zeit an „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Doch am Kurfürstendamm räsonnierten, tranken, wohnten und arbeiteten die Künstler und Literaten nicht nur – Otto Dix etwa im Dachgeschossatelier in Nummer 190/192 oder Jeanne Mammen in ihrem von 1919 bis 1976 genutzten, original erhaltenen Wohnatelier in Nummer 29. Sie machten den Boulevard auch zum Thema, zeichneten und malten ihn samt seinem Publikum, rückten ihn in den Mittelpunkt ihrer Schriftstellerei, widmeten ihm kabarettistische Revuen wie Friedrich Hollaender 1927 mit „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“. Dem konnte die Konkurrenz von der Friedrichstraße nicht tatenlos zusehen, machte sich ein Jahr später im Trianon-Theater mit „Oh! Kurfürstendamm“ lustig über die da im Westen.

Zwar hat der Boulevard kein literarisches Werk inspiriert, dessen Ruhm so eng mit ihm verbunden wäre wie der des Döblin-Romans mit dem Alexanderplatz. Aber einiges von Rang gibt es, vorneweg der Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von Gabriele Tergit (1931). Ein irreführender Titel, ist dieser Käsebier, Volkssänger aus der Hasenheide, doch eher Randfigur als Eroberer, ein zufällig nach oben gespülter Balladenbarde, Opfer im Gestrampel der Kultur- und Bauspekulanten, denen der Kurfürstendamm allemal die liebste Spielwiese war.

Der Ku'damm und seine Bewohner heute
Der Kurfürstendamm ist Berlins bekanntester Boulevard. Der Tagesspiegel wirft einen Blick hinter die Fassaden. Wir stellen die Bewohner des Hauses Nummer 114 vor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: Thilo Rückeis
05.05.2011 14:20Der Kurfürstendamm ist Berlins bekanntester Boulevard. Der Tagesspiegel wirft einen Blick hinter die Fassaden. Wir stellen die...

Zehn Jahre zuvor hatte Christian Bouchholtz in seinem Buch „Kurfürstendamm“ selbst dem Satan prophezeit, dass er auf diesem Boulevard überall „hereinfallen, geneppt und geprellt“ würde. „Ein für solche Welt zu dummer Teufel, und er müsste mit eingezogenem Schwanz in die Hölle zurück.“ Nicht ganz so drastisch, gleichwohl kritisch beschrieb Joseph Roth in einem Feuilleton 1929 die „furchtbare Fähigkeit, sich unaufhörlich zu erneuern“, als das Wesen des Kurfürstendamms: „Unwandelbar ist seine Wandelbarkeit. Langmütig ist seine Ungeduld. Beharrlich seine Unbeständigkeit.“ Immerhin, Franz Hessel sprach dem Kurfürstendamm sogar eine „hohe Kulturmission“ zu: „die Berliner das Flanieren zu lehren“.

Das können sie in der 1925 von George Grosz gemalten „Straßenszene (Kurfürstendamm)“ schon ganz gut, leider nicht so, wie es sich Hessel gedacht hat : Der blasierte Snob, der bornierte Kapitalist, die mondäne Kokotte ergehen sich kaum in dessen „Lektüre der Straße“, beachten nicht mal den kriegsinvaliden Streichholzverkäufer am Rande – der Boulevard wird zur Bühne eines Schauspiels, in dem die unversöhnlichen Gegensätze der Gesellschaft aufeinanderprallen.

Das war nur eine von vielen Rollen, die der Kurfürstendamm auf den durch ihn inspirierten Bildern spielte. Bei Ludwig Meidner („Apokalyptische Landschaft – Halensee“, 1913) wurde er zum Schauort expressionistischer Endzeitstimmung, bei Werner Laves („Blick auf den Kurfürstendamm“, 1955) zum luftig-leichten Spiegelbild des Wirtschaftswunders. Gut ein Dutzend Bilder des Boulevards enthielt die zur 750-Jahr-Feier 1987 gezeigte Ausstellung „Stadtbilder“ des Berlin-Museums. Doch trotz aller Vielfalt der Stile und Perspektiven – einen gemeinsamen Nenner gibt es, Roth hatte Recht: „Unwandelbar in seiner Wandelbarkeit.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben