Berlin : 15 Cent fürs Zelt

Post und Senat bereiten Notopfer-Briefmarken vor

Bernd Matthies

Das wird neuen Ärger geben – kann aber das Tempodrom möglicherweise doch noch vor der Pleite retten. Denn der Senatsbeschluss vom Dienstag, der auf die Insolvenz des abgestürzten Kulturtempels hinauslief, enthält eine brisante Klausel, die der Öffentlichkeit bisher vorenthalten wurde: Mit Hilfe der Post-AG will man eine Idee wieder beleben, die Berlin in der Nachkriegszeit wieder auf die Beine gebracht hat: das postalische Notopfer. Der Post-Vorstand unter Klaus Zumwinkel hat sich jetzt bereit erklärt, zunächst befristet bis zum Jahresende, Sonderbriefmarken „Notopfer Tempodrom" herauszugeben. Sie zeigen die Silhouette des umstrittenen Bauwerks und müssen voraussichtlich ab 1.Mai auf alle Briefe und Postkarten geklebt werden, die den engeren Berliner Raum – Postleitzahlbereiche 10 bis 15 – verlassen. Der Aufschlag, einmalig 15 Cent unabhängig vom Briefgewicht, kommt in vollem Umfang der finanziellen Sanierung des Tempodroms zugute. Die notwendige gesetzliche Grundlage kann durch eine entsprechende Rechtsverordnung noch im April geschaffen werden.

Neben der Zuschlagsmarke für 55 plus 15 Cent – unser Bild – werden gegenwärtig noch separate 15-Cent-Marken entworfen, die zusammen mit den bisher üblichen Briefmarken verwendet werden können. Als kleiner Bonus für die Postkunden werden diese Marken wahlweise selbstklebend oder in klassisch gummierter Version mit den Aromavarianten „Grüner Tee“ und „Roter Filz“ ausgegeben. Online-Bestellungen über die Adresse www.notopfer.org sind schon jetzt möglich; Frühbucher erhalten bis 15.April einen Rabatt von fünf Prozent. Unklar ist bisher noch, ob die Kosten dieser Marken als Spenden steuerlich abzugsfähig sind.

Gelingt die Sanierung, wird es im Tempodrom eine große Comedy-Gala unter dem Titel „Dit is ne Marke!“ geben, zu der alle Briefmarkenkäufer mit Quittungen von 500 Euro und mehr kostenlosen Eintritt haben. Für den Start des Notopfer-Programms wird eine „Lange Nacht des Tempodroms“ am 30.April vorbereitet, die den Berlinern Lust zum Opfern machen soll. Ab Mitternacht werden die Senatoren Sarrazin und Strieder eine limitierte Zahl von Ersttagsbriefen handsignieren.

Zu den Konsequenzen einer eventuellen Unterfrankierung sagte ein Postsprecher, das Strafporto beim Fehlen der Notopfer-Marke werde voraussichtlich 65 Cent betragen und komme ebenfalls in voller Höhe der Tempodrom-Sanierung zugute. Überlegungen, das Notopfer auch auf E-Mails und Faxsendungen zu erheben, wurden dagegen aus technischen Gründen nicht weiter verfolgt.

Im Zusammenhang mit der Senatsentscheidung wurden jetzt auch Gerüchte laut, denen zufolge die Gesamtsanierung des Berliner Haushalts über eine solche Sondersteuer erwogen wird. Ein Senatssprecher wies dies aber gegenüber dem Tagesspiegel zurück: Aus sozialen Gründen sei es undenkbar, jede einzelne Postsendung mit einem Zusatzporto von etwa 500 Euro zu belasten. Dies sei auch der gewerblichen Wirtschaft und dem Standort Berlin nicht zumutbar.

Das Notopfer Berlin war eine Sondersteuer, die nach der Blockade Berlins zur finanziellen Unterstützung der Stadt eingeführt wurde. Es wurde als Sondersteuer vom Einkommen bis 1.1.1958 und als Briefmarkensteuer bis zum 1.4.1956 erhoben.

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