Berlin : 15 Jahre Herzzentrum: "Meine Uhr war noch nicht abgelaufen"

Ingo Bach

Peter Markgrafs erstes Leben endete am 15. Februar 1986. Sein Herz gab auf. Es krampfte sich zusammen, fing an zu flimmern. In der Lunge sammelte sich Wasser an. Markgraf war dem Ersticken nahe, als ihn der Notarzt ins Klinikum Steglitz einlieferte. "Ich musste an diesem Tag neun Mal reanimiert werden." Nur mit Mühe und einem externen Herzschrittmacher gelang es den Ärzten, dem alten Organ noch einige Wochen Lebenszeit abzutrotzen. An eine Entlassung war nicht zu denken, Markgraf musste auf der Intensivstation bleiben.

Fünfzehn Jahre später sitzt er entspannt lächelnd im Café. Braungebrannt und drahtig. Er hat gerade seinen Garten für das Frühjahr auf Vordermann gebracht, hat umgegraben und gejätet. Mit dem zeitlichen Abstand plaudert Peter Markgraf ruhig über die dramatischen Stunden - und in dem Wissen, dass es ein zweites Leben für ihn gab. Am 7. Mai 1986, vier Tage nach seinem 44. Geburtstag, pflanzten ihm die Ärzte des Deutschen Herzzentrums ein neues Herz ein - als erstem Berliner. "Meine Uhr war noch nicht abgelaufen." Vier Jahre zuvor hatten die Mediziner bei dem Postbeamten eine Herzkrankheit diagnostiziert - "Kongestive Kardiomyopathie", Herzerweiterung. Ohne Stocken kommt Markgraf die Diagnose über die Lippen. Er hat sie zu oft gehört.

Nach sieben Wochen des angstvollen Wartens kam am 7. Mai dann endlich die Nachricht aus dem Herzzentrum: Ein Spenderherz ist gefunden. "Ich war froh, dass endlich die Entscheidung gefallen war." Und gleichzeitig fürchtete sich Markgraf vor der Operation. "Ich wollte nicht sterben."

Der Eingriff ging gut. Stolz berichteten ihm die Chirurgen, dass das Spenderherz sofort angefangen habe, zu schlagen. Doch würde der Körper das neue Organ akzeptieren? Das größte Problem bei Transplantationen ist das Immunsystem, das darauf geeicht ist, fremdes Gewebe anzugreifen. Ganz im Stillen beschwor Markgraf seine neue Pumpe: "Du bleibst drin. Basta!" Das half ihm, die insgesamt hundert Tage auf der Intensivstation zu überstehen. Nähe zu anderen Menschen durfte nicht sein. Zu groß die Gefahr, dass er sich mit Krankheitserregern infiziert. Seine Frau musste einen Kittel, Mundschutz und Handschuhe anlegen, wenn sie ihn besuchen wollte. Und auch, als er schon längst entlassen war, durfte sich Markgraf außerhalb der Wohnung nicht ohne Mundschutz aufhalten. Noch heute vermeidet er es, Menschen mit einem Handschlag zu begrüßen. Denn der Preis für die gelungene Transplantation ist hoch. Der 49-Jährige muss sein Leben lang Medikamente nehmen, die sein Immunsystem abschwächen, damit sein Körper das Spenderorgan nicht abstößt. Die Gefahr, sich mit Krankheiten zu infizieren, ist hoch.

Schon lange empfindet Peter Markgraf das Spenderherz nicht mehr als ein fremdes Organ. Es ist sein Herz. "Der Spender hat mir das Leben gerettet, aber er ist nicht für mich gestorben." Die Markgrafs haben sich zu Experten in Sachen Medizin entwickelt. Ihre beiden Kinder führen typische Mediziner-Ehen. Der Sohn ist Arzt und mit einer Krankenschwester verheiratet. Die Tochter ist Krankenschwester und hat sich auch in einen Mediziner verliebt. Der ist heute Peter Markgrafs Hausarzt. "Die Lebensläufe meiner Kinder wären ohne die Krankheit wohl anders verlaufen."

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