Berlin : 155 Kilometer ideales Leinwandformat

Eine neue CD-ROM bringt Berliner Mauermalereien zurück – und die Musik der Siebziger gleich dazu

Christoph Stollowsky

Manchmal ließ ihn dieser Job überhaupt nicht mehr los. Einen Espresso gönnte er sich ab und zu, ansonsten blieb die Küche in seiner Wohnung in Wedding tagelang kalt. Ralf Gründer inszenierte gerade eine Ausstellung: über die Malerei, die Künstler und das Leben an der Berliner Mauer vor und nach der Wende. Umfassend sollte sie sein und spannend in Bild und Ton. Hätte er in einer Galerie oder in Museumsräumen gearbeitet, wären die Lichter dort auch nachts kaum erloschen. Doch Gründer saß zu Hause am Computer. Monatelang brachte er die Schau auf eine CD-ROM. „Ich war wie im Rausch“, erzählt der 47-jährige Profi-Fotograf. Nun ist sie fertig. Kenner sagen, eine solche Zusammenstellung gebe es kein zweites Mal.

Davon profitieren auch offizielle Besucher des Berliner Parlaments. Schließlich hat der Präsident des Abgeordnetenhauses einen ganzen Posten der multimedialen Entdeckungstour durch Berlins Mauermalerei erworben und verschenkt sie an seine Gäste. Und die Stiftung Stadtmuseum lässt Gründers Dokumentation im Nicolaihaus in Mitte auf einem Monitor nonstop laufen – als zeitgeschichtliches Vorspiel zu ihrer neuesten Ausstellung über die Theatergeschichte Berlins nach der Wende.

In den späten Siebzigerjahren wäre das alles für den Wahl-West-Berliner kaum mehr als ein schöner Traum gewesen. Damals studierte er Geologie an der FU, zog begeistert zur Westseite der Mauer und hielt die ersten Malereien fotografisch fest: Das „kleine bisschen Revolution mit der Farbe“, wie Mauerkünstler Christophe Bouchet im Interview auf der CD-ROM sagt. Der letzte, fünf Meter breite Streifen vor dem Betonwall war schon verbotenes DDR-Terrain. Jede künstlerische Einmischung in die Welt des kalten Krieges verfolgten die Grenzer misstrauisch – doch sie ließen die Mauermaler gewähren.

Nach der Wende arbeitete Gründer als Geologe und Fotograf einige Jahre in Südafrika – aber die Kunst an der Mauer nahm er mit. In Johannesburg veranstaltete er eine Ausstellung mit eigenen Fotos. Zurück an der Spree, fand er nurmehr Reste der ungewöhnlichsten Freilicht-Galerie der Welt vor. Bemalte Mauersegmente standen inzwischen vor dem Weißen Haus, verrotteten in Djakarta oder wurden in den Gärten internationaler Kunstliebhaber gepflegt. Das Einzigartige der Berliner Mauermalerei war verloren: der enge Zusammenhang zwischen Kunst und Alltag, Ästhetik und Politik, Protest und künstlerischer Arbeit. Zumindest virtuell wollte Gründer dieses Phänomen zurückholen – als Erlebnis per Mausklick.

Drei Jahre lang recherchierte und fotografierte er für sein Projekt, interviewte Maler und Zeitzeugen, sammelte die Bilder – und die Musik der Künstler, denn etliche hatten eigene Bands und komponierten selbst wie Alexander Hacke, Gitarrist der „Einstürzenden Neubauten“, oder Kiddy Citny, in dessen Jazz-Rock-Gruppe auch Thierry Noir sang, als Mauermaler bekannt durch seine Eierköpfe. Doch nichts ist wie im Archiv spröde aneinander gereiht.

„You are leaving the American sector“ – breit steht das Schild im Monitor. Hinter den Buchstaben verbergen sich kleine Mauerbilder mit Links zur East-Side-Gallery, zur Wendezeit oder zu den Malern 1984-89. Christophe Bouchet, schwarzer Hut und Bart, steht 1987 vor einer Stadt, die er auf den Beton gemalt hat. „In dieses Haus“, sagt er, „zieh’n wir ein, ich wollte schon immer mal Grundbesitzer sein.“ Und Kiddy Citny erzählt, warum ihn die155 Kilometer lange Mauer magisch anzog. „Tja, die hatte halt ideales Leinwandformat.“ Also pinselte er los und wurde berühmt durch seine Mauerprinzen. Beispielsweise am Fries in der Kreuzberger Waldemarstraße, den Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ bekannt machte.

Diese virtuelle Tour lässt sich tagelang fortsetzen. Doch irgendwann sollte man das heutige Mauerarchiv in Friedrichsfelde anklicken, schon alleine, um einmal auf die graue Ostseite zu wechseln. Dort erklingt dann der Grenzer-Song aus den Siebzigerjahren: „In dieser Ecke meiner Heimat, so klein, dass sie kein Atlas zeigt, bin ich Kämpfer unserer Sache – damit sie sicher weiterläuft.“

Die CD-ROM ist bei Dussmann an der Friedrichstraße 90 erhältlich sowie online von Ralf Gründer unter www.berliner-mauer.de .

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