16 Tage Bauarbeiten : Letzte Schnecke im S-Bahnhof

Von der Sperrung des Nord-Süd-Tunnels sind nicht nur 80000 Fahrgäste betroffen, sondern auch die Kioskbetreiber in den Bahnhöfen. Sie müssen ihre Geschäfte für 16 Tage schließen.

Nora Tschepe-Wiesinger
Nur noch wenige Stunden offen, dann bis zum 9. Dezember geschlossen: Der Kiosk auf dem Tiefbahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße
Nur noch wenige Stunden offen, dann bis zum 9. Dezember geschlossen: Der Kiosk auf dem Tiefbahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße

S-Bahn-Türen öffnen sich, Menschenmassen strömen auf die Bahnsteige im Untergeschoss des Bahnhofs Friedrichstraße, den Blick hektisch geradeaus gerichtet. Dazwischen steuert eine Frau in langem Pelzmantel zielstrebig auf den Bäckerladen „Le Crobag“ zu, bestellt eine Pudding-Rosinen-Schnecke und bittet die Verkäuferin mit der roten Baskenmütze um Eile: Ihre Bahn kommt gleich. Alltag im Takt der Stadt.
Man könnte auch sagen: Der Sturm vor der Ruhe. In den nächsten 16 Tagen kommt keine Bahn mehr, denn seit Freitagabend wird im Nord-Süd-Tunnel gebaut. Bis 9. Dezember fahren zwischen Anhalter und Nordbahnhof keine Züge. Für täglich 80000 Fahrgäste bedeutet die Tunnelsperrung längere Wege. Für Silke Otte bedeutet sie vorübergehend den kompletten Wegfall ihres Arbeitsplatzes. Otte ist seit 2008 selbstständige Leiterin der Crobag-Filiale im Bahnhof Friedrichstraße. Jetzt muss sie ihren Laden zum ersten Mal für mehr als zwei Wochen schließen – und ihre neun Mitarbeiter für diese Zeit entlassen. „Ich werde in den kommenden zwei Wochen keinen Cent verdienen“, sagt sie resigniert und beklagt sich, dass für 2014 schon die nächste wochenlange Tunnelsperrung geplant ist.

Auch Thomas Hanke ist von den Gleisbauarbeiten wenig begeistert. Der 33-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren im Zeitschriftengeschäft „Dr. Eckert“ im Bahnhof Friedrichstraße – eigentlich in der Filiale auf dem Tiefbahnsteig, aber da diese ebenfalls für die nächsten zwei Wochen schließt, wechselt er in das Geschäft im Erdgeschoss. Einen schwachen Trost gibt es für ihn: Immerhin bleiben die Schokoriegel und Zigaretten bis zum 9. Dezember haltbar.
Mit den Brötchen und Baguettes in Silke Ottes Crobag-Geschäft sieht es da anders aus. „Kriegen alles die anderen Filialen“, sagt sie. Eine Entschädigung vonseiten der S-Bahn für die unfreiwillige Arbeitslosigkeit sei bisher nicht vorgesehen, berichtet Kioskmitarbeiter Hanke.


» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben