17. Juni 1953 : Das jüngste Opfer war erst vierzehn

Sie waren fast noch Kinder und gerieten in den Strudel der Ereignisse - beim Volksaufstand vor 55 Jahren wurden auch drei Jugendliche erschossen. An ihr Schicksal erinnert wenig.

Lothar Heinke
Grabstein Foto: Thilo Rückeis
Einzige Erinnerung. Auf dem Friedhof in der Seestraße haben auch die drei erschossenen Jugendlichen einen Grabstein -Foto: Thilo Rückeis

"Den Opfern des 17. Juni“ steht auf der grauen Mauerfläche mit der Steinplastik des Mannes, der seine Ketten bricht. Ihnen ist auf dem Friedhof an der Seestraße das Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet. Ein friedlicher, kurz geschnittener Rasen mit Stiefmütterchen vor den elf Gedenkplatten, die die Namen jener tragen, die beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 ums Leben gekommen sind. Wenn sich heute die Kranzträger bücken, um die Schleifen zu ordnen, achten sie vielleicht auf das Geburts- und Sterbedatum, wenigstens jener, die ganz vorn bestattet sind. Werner Sendsitzky starb an seinem 16. Geburtstag. Wolfgang Röhling wurde 15, Rudi Schwander 14 Jahre alt.

Wir möchten mehr über diese jüngsten Opfer des 17. Juni erfahren. Sie sind nicht typisch für die demonstrierenden Arbeiter, denen es an diesem Tage auch um Würde in Freiheit, um ein besseres Leben und ein Ende der Bevormundung durch ihre sowjethörige Regierung ging. Es sind fast noch Kinder, die in den Strudel der Ereignisse geraten sind. Was geschah?

Er wollte etwas für eine Geburtstagsfeier besorgen

Werner Sendsitzky geht gegen 16 Uhr aus dem Haus in der Müllerstraße, um etwas für seine Geburtstagsfeier zu besorgen. Großmutter, zwei Tanten und vier von sechs Geschwistern warten, um mit dem kleinen Werner zu feiern. Draußen, an der nahen Grenze, ist die Hölle los. Vormittags war Werner mit den Hennigsdorfer Arbeitern in die Stadt gelaufen. „Der Spitzbart muss weg“ hatten die gerufen und Walter Ulbricht gemeint, aber jetzt fiel immer wieder das Wort "Ausnahmezustand“ im Radio. Es wird immer später. Gegen 20 Uhr klingelt es. Vor der Tür steht Horst Sch. Er sagt: Werner ist tot. Der Augenzeuge erzählt später der Polizei, dass der Junge, der mit 20 Schaulustigen auf dem Dach eines Behelfsheimes in der Liesenstraße stand, durch den Zufallsschuss eines Volkspolizisten aus 150 bis 200 Metern Entfernung ins Herz getroffen worden sei. Vopos hätten auf der Chausseestraße mit vorgehaltener Pistole versucht, vom Westsektor aus vordrängende Menschen zurückzudrängen und schließlich in die Luft geschossen. Wer Werner erschossen hat, konnte nie ermittelt werden. Ein Funkwagen bringt den Sterbenden ins Lazarus-Krankenhaus.

Zehn Minuten später wird dort Rudi Schwander eingeliefert. Der einzige Sohn vom Bäckermeister Schwander aus der Anklamer Straße 26 ist abends dabei, als in der Rheinsberger Straße Volkspolizisten von einer Menge aufgefordert werden, ihre Waffen wegzuwerfen und sich zu ergeben. Da sie das nicht tun, werden sie mit Steinen beworfen. Daraufhin schießen die Vopos in die Menge. Ein Augenzeuge: "Die Leute rannten auseinander. Ich hatte in einem Hausflur Deckung gesucht. Von dort aus sah ich einen Jungen auf der Straße liegen. Er blutete stark. Der Schuss war in den Hinterkopf gegangen und an der Stirn wieder herausgetreten. Der Arzt im Lazarus sagte gleich, dass hier nichts mehr zu machen sei“.

Befohlene Brutalität

Wolfgang Röhlings Tod hat nur indirekt mit dem 17. Juni zu tun. Der 15-Jährige Berufsschüler stirbt fünf Tage nach dem Aufstand, aber sein Tod ist ein Beweis mehr für die befohlene Brutalität, mit der gegen wehrlose Menschen vorgegangen wurde, acht Jahre vor dem Mauerbau: Der Junge geht mit seinen Freunden, wie immer, zum Baden zum Spandauer Schifffahrtskanal an der Heidestraße. Sie sind "im Westen“, drüben, am anderen Ufer, liegt der Ostsektor, 80 Meter entfernt. Als sie schon ausgezogen sind, ruft ein Volkspolizist, sie sollen verschwinden, aber die Halbwüchsigen denken gar nicht daran, nehmen Steine und werfen sie Richtung Osten. 21 Schuss Munition feuern die Ost-Polizisten ab, laut Lagebericht wegen "Annäherung verdächtiger Personen an der Sektorengrenze“. Ein Schuss trifft Wolfgang Röhling auf der Flucht in den Hinterkopf.

Wer oder was erinnert 55 Jahre später an diese Opfer? Für die Verwandten von Werner aus der Müllerstraße sei, sagen sie, "das Kapitel abgeschlossen“. In Schwanders Bäckerei am Arkonaplatz ist ein Getränkemarkt, in der Grundschule gegenüber kennen die jungen Lehrerinnen die Geschichte des einstigen Schülers nicht, aber ihre Europa-Schule beteiligt sich an Studien zum Thema "Mein Leben am Mauerstreifen“. Auch über Wolfgang Röhling ist nicht mehr zu erfahren als der Name auf dem Stein – bestattet wurde er auf dem Friedhof Gerichtsstraße in einem weißen, mit Rosen bedeckten Sarg. Hunderte standen Spalier.

Wie können die Namen ein Gesicht bekommen, auch noch 55 Jahre danach? Werner Herbig vom Arbeitskreis 17. Juni 1953 war nach dem Aufstand fünf Jahre im Zuchthaus Waldheim eingesperrt. Heute beklagt der 89-Jährige, dass der 17. Juni für Politiker "nur noch eine Pflichtübung“ sei, "seit uns der nationale Gedenktag genommen worden ist“. "Wenigstens die Bezirksverordnetenversammlungen sollten Gedenkminuten einlegen oder etwas tun, das an den ersten Aufstand gegen das Regime erinnert“. Er hat seine Vorschläge an den Innensenator geschickt, aber keine Antwort bekommen. Die Vereinigung 17. Juni sieht eine Hoffnung: Am Eingang zum Friedhof Seestraße möchte sie auf einer Tafel die Geschichten der Opfer erzählen. Damit die Offiziellen wissen, für wen ihre Kränze bestimmt sind.

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