Berlin : 17. Juni: Betreten verboten

Lothar Heinke

Sollte jemand auf die Idee kommen, am Sonntag einen Kranz oder eine Rose am Denkmal für die Opfer des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 niederzulegen, müsste er wieder nach Hause gehen: Das vor einem Jahr offiziell mit schönen Reden von Hans Eichel und Eberhard Diepgen eingeweihte Mahnmal an der Ecke Leipziger/Wilhelmstraße bleibt gewissermaßen wegen Baufälligkeit geschlossen. Das Gedenk-Areal am Bundesfinanzministerium ist seit seiner Einweihung umzäunt und kann nicht betreten werden.

Genau das aber wäre der Sinn der Gedenkstätte, die, nach vielem Hin und Her, zum Preis von mehr als einer Million Mark gebaut worden war. "Das Ganze ist ein Skandal, geradezu rufschädigend", empört sich Wolfgang Rüppel, der Künstler, dessen Entwurf auch vom Arbeitskreis 17. Juni mitgetragen wurde. Er zeigt auf einer im Boden liegenden gläsernen Platte das mehrfach vergrößerte, vervielfältigte und grob gerasterte Foto von Bauarbeitern, die untergehakt einen Protestzug bilden. Mit seiner Länge von 24 und einer Breite von 3 Metern ist die Denkmal-Installation Teil des Vorplatzes am einstigen "Haus der Ministerien", auf dem am 17. Juni vor 48 Jahren tausende Bauarbeiter für Freiheit, Demokratie, höhere Löhne und gegen weitere Normerhöhungen demonstriert hatten.

Jahrelang war um ein Denkmal für den ersten Arbeiteraufstand innerhalb des sozialistischen Lagers - der rasch die ganze DDR erfasst hatte und schließlich von russischen Panzern niedergewalzt wurde - gestritten worden. Schließlich konnte die Erinnerungsstätte im Jahr 2000 eingeweiht werden. Die künstlerische Idee hat gewissermaßen einen doppelten Boden: Einerseits ist die Installation ein Dokument ganz unheroischer Entschlossenheit der Demonstranten, andererseits steht sie im Kontrast zu jenem gleich großen Wandbild von Max Lingner im nahen Säulengang, das das Dasein der Werktätigen in krampfhafter Fröhlichkeit im Stil des sozialistischen Realismus abbildet.

Aber man kann das neue Kunstwerk nicht betrachten, weil der steinerne Platz ringsum abgesperrt und so nicht zu betreten ist. Durch Streifen andersfarbigen Steins sollen die Pfeiler der Vorhalle in ihrer Breite quasi am Boden ihre Verlängerung finden - "dies lenkt den Blick zu Lingners Wandbild und unterstreicht das Außen-Innen-Verhältnis und den Vertikal-Horizontal-Bezug" erklärt die Gestalterin Ute Piroeth. Die Idee war, den Platz hauptsächlich mit Platten des dunkelgrünen Serpentinits "Verde Vittorio" auszulegen. Wolfgang Rüppel sagt, dass es für diesen Stein, der auch beim Kanzleramt verbaut wurde, zwei Steinbrüche gibt, "aber einer taugt nur für die Herstellung von Aschenbechern". Möglich sei, dass der falsche Stein verwendet wurde, jedenfalls führte das dazu, dass eine Klebefolie nicht hält. Die Steine wackelten, seien locker, lösten sich. "Der Platz ist noch nicht fertig, deshalb haben wir ihn noch nicht abgenommen", sagt Hans-Joachim Henzgen vom Bundesbauamt und spricht von einem "mittelfristigen Sanierungsfall". Man streitet sich mit Tiefbau Berlin, aber diese Firma habe den offensichtlich falschen Stein über einen Subunternehmer bezogen. Entweder handelt es sich um einen Irrtum vom Bau oder um eine bewußte Täuschung, nach der ein billigerer Stein verlegt, aber ein teurerer berechnet wurde. Jetzt sind mehrere Gutachter am Werk. "Das Ganze ist an so einer öffentlichen Stelle nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine große Peinlichkeit", sagt der Mann vom Bundesbauamt.

Und wie geht es nun weiter? "Wir haben die Firma mehrmals um Erklärungen gebeten, erst zum 31. Mai, dann zum 8. Juni. Was wir da bekommen haben, befriedigt uns nicht, weil es das Problem nicht löst, nun gibt es eine neue Frist, die über den 17. hinausgeht, und dann wird das Ganze erst einmal die Juristen beschäftigen", erklärt Hans-Joachim Henzgen den gegenwärtigen Stillstand. Die Gefahr besteht, dass der Platz, vor allem bei Frost, "mittelfristig einen Totalschaden erleidet und zum Sanierungsfall wird". Bei der Naturstein-Beton-Verbundkonstruktion werden die technischen Parameter der Haft- und Zugfestigkeit nicht erfüllt. Würde man jetzt die Gitter beseitigen und ein Betreten der Anlage ermöglichen, gälte sie juristisch als abgenommen und befürwortet - und das kann nicht sein.

So geht der Krieg zwischen Bauamt und Baufirmen in die nächste Runde. Wolfgang Rüppel bedauert, dass er mit dieser Arbeit für sich selber keine Reklame machen kann. Das provisorische Drumherum seiner Arbeit nervt ihn derart, dass er "einem gewissen Punkt der Verzweiflung sehr nah" ist: "Dann setze ich mich auf einen Schaufellader und räume den ganzen Zaun ab, damit die Leute endlich meine Arbeit sehen". Nicht nur Wolfgang Rüppel versteht nicht, "dass es keinen Weg geben soll, diesen würdigen Ort einer historischen Tat für die Öffentlichkeit zu öffnen".

Übrigens findet die offizielle Kranzniederlegung zum 17. Juni auf dem Friedhof Seestraße statt - wie all die Jahre, als es noch kein Denkmal am historischen Ort gegeben hat ...

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