Berlin : 17. Juni: "Vorwärts und nicht vergessen ..."

Lothar Heinke

Wolfgang Rüppel steht vor übereinandergestapelten, 45 Zentimeter dicken Glasplatten, auf denen sich markante Rasterpunkte zu Gesichtern formen. An der Wand im Atelier im vierten Stock eines Weddinger Fabrikhofes lehnt das Vor-Bild für das Denkmal zum 17. Juni, das morgen offiziell übergeben wird. Es zeigt Menschen unterschiedlichen Alters, junge zumal, die in einer geschlossenen Reihe eingehakt daher kommen, entschlossene Demonstranten: "Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht" in einer gewollt unheroischen Variante. Die Szene zeigt die spontane Solidarität an jenem 16. und 17. Juni 1953, als zunächst die Bauarbeiter der Stalinallee und dann immer mehr Ost-Berliner auf die Straße gingen, um gegen Normerhöhungen und eine weitere Verschlechterung des Lebensniveaus zu protestieren sowie demokratische Rechte einzufordern. Der Aufstand wurde von den Ketten sowjetischer Panzer niedergewalzt, es gab Tote, Verletzte und Gefangene. 47 Jahre nach dem ersten antistalinistischen Volksaufstand in einem wichtigen Teil des kommunistischen Machtblocks soll nun endlich mit einem Denkmal an das historische Geschehen erinnert werden.

Die Idee zur Ausführung des "Denkmals für die Ereignisse des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig", wie Wolfgang Rüppel seine Arbeit nennt, lieferte eigentlich Max Lingners Wandbild in der Säulenhalle des Eingangs zum ehemaligen Haus der Ministerien, dem jetzigen Bundesfinanzministerium. "Mein in den Boden eingelassenes Glasbild gibt einen Kommentar zu dem Lingner-Gemälde", sagt der Maler. Im Januar 1953 war das (kürzlich erst restaurierte) Wandbild enthüllt worden. Es trägt den monströsen Titel "Die Bedeutung des Friedens für die kulturelle Entwicklung der Menschheit und die Notwendigkeit des kämpferischen Einsatzes für ihn". Der Reigen glücklicher Arbeiter und Bauern auf bunten Kacheln hinter den Säulen der DDR-Machtzentrale sah sich fünf Monate nach seiner Enthüllung mit den wahren Gedanken des Volkes konfrontiert: Auf dem kleinen Vorplatz an der Leipziger- Ecke Wilhelmstraße artikulierte sich die Wut gegen die Forderung der Führung nach Normenerhöhung, vor allem gegen Ulbricht und Grotewohl. Die SED-Losung "Erst mehr arbeiten, dann besser leben" löste bei den Bauarbeitern Tumulte aus, ihrem Protestzug zur Regierungszentrale schlossen sich immer mehr Menschen an. Wolfgang Ribbe beschreibt die Stimmung am Mittag des 16. Juni so: "Als weder Grotewohl noch Ulbricht erschienen, ertönten Sprechchöre und erstmals auch politische Rufe wie "Nieder mit der Regierung!" Als die Rufe anhielten, wurde ein Tisch vor die Eingangstreppe getragen und in die Menge gestellt. Der Minister für Hüttenwesen und Bergbau, Fritz Selbmann, erschien und sprach. Er wurde durch ständige Zwischenrufe unterbrochen. Als er rief "Ich bin doch selbst ein Arbeiter!" antwortete ihm die Menge "Das hast du aber längst vergessen", auf die Anrede "Liebe Kollegen!" schrie ihm die Menge zu "Du bist nicht unser Kollege - du bist ein Lump und Verräter!" Dann sprang ein Arbeiter auf das Podium und sagte: "Was Du uns erklärt hast, interessiert uns überhaupt nicht. Wir wollen frei sein. Unsere Demonstration richtet sich nicht nur gegen die Normen. Wir kommen nicht nur von der Stalinallee, sondern aus ganz Berlin. Das hier ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie und geheime Wahlen!"

Rüppel ist heute 58 Jahre alt, den 17. Juni hat er als Gymnasiast in Wuppertal erlebt und kann sich noch gut daran erinnern, wie der ungeliebte Deutschlehrer die Nachrichten aus Berlin "mit tränenerstickter Stimme aus der Zeitung vorgelesen hat". Als Vorarbeit zum Denkmal studierte er den Ablauf der entscheidenden Tage, ist angetan von Stefan Heyms "Fünf Tage im Juni" und sieht sein Bodenbild auch als Würdigung zivilen Ungehorsams. "Dem Wandbild von Max Linger wird also in denselben Abmessungen - 24 mal drei Meter - das Bild der 17.-Juni-Demo entgegengestellt; in die Horizontale gelegt, in Glas geätzt, mit geringem Abstand auf einem Grund, der dasselbe Motiv als Druck erhält, so dass eine räumliche Irritation entsteht, das Abbild seinen dokumentarischen Charakter ablegt und zum Bild wird, zum Ornament - wie die Erinnerung aus Ereignissen Bilder formt". Die Vorlage zu diesem "konstruierten Bild" (oben) ist das dokumentarische Foto eines unbekannten Fotografen; Rüppel entdeckte es in der Landesbildstelle. Teile des Fotos sind verdoppelt; das Bild, auf einer Ebene der Glasfläche als mattierter Druck wie eine Ätzung und auf der unteren Ebene als dunkler Druck auf hellem Grund lässt sich aufgrund der Parallaxe nicht scharf stellen. Das aus zwölf drei mal zwei Meter großen Glasplatten bestehende Bodenbild wird abends von der gegenüberliegenden Seite durch Scheinwerfer magisch beleuchtet, auch das Gegenstück, Lingners Wandbild, wird angestrahlt. Noch nicht fertig ist der Platz rund um das (übrigens nicht betretbare) Glasbild. Er wird mit Serpentin und mit andersfarbigem Stein in der Breite der Säulen der Vorhalle belegt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar