Berlin : 17. Juni: Warum Ernst Reuter nicht nach Berlin kam

Nach 50 Jahren enthüllt: Der Bürgermeister saß in Wien fest, weil die USA den Flug verhinderten. Und seine Radioansprache wurde nicht gesendet

Brigitte Grunert

Ernst Reuter war die überragende politische Figur in Berlin. Seit der sowjetischen Blockade der Westsektoren 1948/49 verkörperte er den Freiheitswillen und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Berliner. Doch an den dramatischen Juni-Tagen 1953 konnte der Volkstribun nicht eingreifen. Er saß in Wien fest, ohnmächtig wie ein Löwe im Käfig. Reuter hat darunter gelitten. Und er grollte den amerikanischen Freunden, weil sie ihm nicht zur sofortigen Rückkehr nach Berlin verholfen haben, enthüllte jetzt sein Sohn Edzard.

Dass es im Osten gärte, wusste man. Aber einen Volksaufstand konnte sich keiner vorstellen. Ahnungslos reiste der Regierende Bürgermeister zum Internationalen Städtetag nach Wien. Dort erfuhr er am 16. Juni erst spät abends vom Aufruhr in Berlin; es gab noch keine kurzen Nachrichtendrähte. Sofort wollte Reuter zurück in „seine“ Stadt, zu den Menschen sprechen, der Stimmung Richtung geben, die Erregung kanalisieren. So, wie im September 1948, als er in der Not der Blockade die „Völker der Welt“ um Hilfe rief. Doch er bekam keine Flugkarte. Das heißt, er hätte von Wien nach München fliegen können, aber nicht von München nach Berlin, wie sich sein Sohn Edzard Reuter erinnert.

Vergeblich bat er daraufhin „amerikanische Militärstellen“ um Mitnahme in einer Militärmaschine. Auch das „erwies sich als bedauerlicherweise unmöglich“, heißt es vornehm zurückhaltend in der Reuter-Biografie von Willy Brandt und Richard Löwenthal (,,Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit“). Im Klartext: Die Westalliierten wollten nicht. Davon war Reuter jedenfalls überzeugt. Er war „deutlich verärgert“, sagt Sohn Edzard. Auch aus seiner Tonbandansprache von Wien aus wurde nichts. Sie durfte nicht gesendet werden. Edzard Reuter bezeugt auch diese weitgehend unbekannte Geschichte nach Erzählungen seines Vaters.

Dessen Rede vor dem Städtetag blieb in Berlin im Strudel der Ereignisse unbeachtet. „Wir haben gespürt, dass das Volk von Berlin, ungebrochen auch in Ost-Berlin, aufgestanden ist wie ein Mann und seine Meinung gesagt hat, wo es in Wirklichkeit steht“, sprach Reuter. Und weiter: „Ohne die sowjetische Besatzungsmacht würde ich heute ganz allein ins Rathaus des Ostsektors von Berlin gehen und würde die Geschäfte als Regierender Bürgermeister von ganz Berlin übernehmen, geschützt von der jubelnden Zustimmung der ganzen Berliner Bevölkerung.“

Erst am Abend des 18. Juni konnte er in Tempelhof landen. Da war der Aufstand längst blutig niedergeschlagen. Als er aus dem Flugzeug stieg und von Hinrichtungen hörte, rief er „die ganze freie Welt“ auf, „diesem Wahnsinn ein Ende zu machen“. Egon Bahr, damals Chefredakteur des Rias, erinnert sich nicht an die Geschichte von der verweigerten Tonbandansprache. Aber er weiß, dass sie zur Linie der Westalliierten passte. Der amerikanische Direktor des Rias verbot am 17. Juni die Verlesung der östlichen Streikaufrufe. Abgesandte der Streikkomitees hatten den Rias bestürmt, die Aufrufe zu senden. Der Berliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski wollte im Rias sogar zum solidarischen Generalstreik in Ost- und West-Berlin aufrufen. Auch das litten die Amerikaner nicht.

Die Westalliierten fürchteten schlicht eine Destabilisierung der Lage in Berlin. Sie wollten jede Eskalation vermeiden. Deshalb drängten sie den Senat und die Gewerkschaften entschieden zur Mäßigung. Deshalb war ihnen diesmal die Macht des Wortes von Ernst Reuter zu riskant, und deshalb hielten sie ihn auf Abstand in Wien. Niemand sollte gewollt oder ungewollt Öl ins Feuer gießen.

Sein Vater hätte, meint Sohn Edzard „mit Sicherheit dazu aufgerufen, besonnen zu bleiben, ohne von den politischen Forderungen abzulassen“. Er hätte „auch international alle Fäden in Bewegung gesetzt“. Und er wollte in russischer Sprache, die er beherrschte, an die Sowjetmacht appellieren, nicht zu schießen. In ihrer Forderung nach freien Wahlen in der DDR und Bildung einer gesamtdeutschen Regierung sprachen die östlichen Arbeiter ja Reuter und den West-Berlinern aus dem Herzen. Aber das Verhältnis zwischen Moskau und den Westmächten war nicht danach. Im Gegenteil, am Horizont sah man die Gefahr eines dritten Weltkrieges, und der durfte nicht sein, schon gar nicht wegen Berlin.

Brandt und Löwenthal sahen es in ihrer Biografie so: „Zu den Opfern jener westlichen Politik der Passivität, der Furcht vor Zwischenfällen und der Verantwortungsscheu gehörte in diesen Tagen auch Ernst Reuter.“ Bahr sagt in der Rückschau nüchtern: „Berlin war der Leuchtturm der Freiheit, aber ein Leuchtturm im Meer, also im Ernstfall nicht zu verteidigen.“ Ernst Reuter spürte seine Ohnmacht, konnte aber nicht mehr kämpfen. Er starb am 23. September 1953. Die Berliner trauerten kollektiv; sie stellten spontan brennende Kerzen in die Fenster.

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