Berlin : 170 000 Berliner leben mit gefährlichem Lärm

HANS TOEPPEN

Studie der Gesundheitsverwaltung: Verkehrsgeräusche erhöhen das InfarktrisikoVON HANS TOEPPEN BERLIN.In Berlin liegen nach Schätzungen der Umweltverwaltung 300 000 Wohungen direkt im Lärmpegel von Hauptverkehrsstraßen.Etwa 170 000 Berliner sind sogar einem Lärm-Niveau von mehr als 65 Dezibel (db (A)) ausgesetzt.Von dieser Grenze an rechnen Wissenschaftler mit erhöhten Gesundheitsrisiken für Herzinfarkte und Kreislauferkrankungen, der häufigsten Todesursache in der Stadt.Daß man die Wirkung von Lärm im Körper durchaus messen kann, haben mehrere Untersuchungen in Berlin belegt.Ergebnis: Selbst im Schlaf steigt bei Verkehrsgedröhn der Ausstoß an kreislaufschädigenden Streßhormonen. Bei einer Vergleichsstudie in Steglitz und Prenzlauer Berg wurde dies in einem Experiment mit geschlossenen und geöffneten Schlafzimmerfenstern deutlich.Bei den 25 schlafenden "Probandinnen" stieg die durchschnittliche Ausscheidung des Streßhormons Cortisol bei offenem Fenster um 35 Prozent.Ungestörter Schlaf, so schreiben die Berliner Wissenschaftler Maschke, Ising und Hecht "bewirkt Gesundheit, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Optimismus, Erfolge".Wird der Schlaf gestört, leiden die Stimmung und die Gesundheit. Die schädigende Wirkung von Lärm war 1989/1990 in West-Berlin an 645 überlebenden Infarktpatienten in Krankenhäusern untersucht worden.Es ging um die Frage, inwieweit Arbeits- und Verkehrslärm - bei Berücksichtigung aller anderen Risikofaktoren - Herzinfarkte herbeiführen können.Rein statistisch ergab sich, daß Infarktpatienten "häufiger an lauten Straßen wohnen".Vergleiche mit einer Repräsentativgruppe anderer Männer ergaben ein mit dem Lärm deutlich und kontinuierlich steigendes Infarktrisiko.Bei Verkehrslärmpegeln von über 70 dB erhöhte sich die Infarktzahl um 30 Prozent.Wird der Schlaf oft oder ständig durch Verkehrslärm beeinträchtigt, steigt das Risiko für den Schläfer um 40 Prozent.Im internationalen Vergleich begann dieser Ansteig bei um fünf Dezibel höheren Pegeln als in England.Der Unterschied wird damit erklärt, daß die Doppelfenster in Berlin den Schall vermutlich besser isolieren. Der erhöhte Ausstoß der Streßhormone Adrenalin und Cortisol im Schlaf ist bei mehreren Untersuchungen im Berliner Schlaflabor, in Wohnungen von Berliner Flughafenanwohnern und zuletzt bei der zitierten Vergleisstudie Steglitz/Prenzlauer Berg nachgewiesen worden.Das Ergebnis der Vergleichsstudie an je 400 Frauen in beiden Bezirken liegt als Abschlußbericht der Senatsgesundheitsverwaltung vor: "Verkehr und Gesundheit im Ballungsraum Berlin".Die Lärmbelastung in den leisesten und lautesten Straßen differierte um 23 Dezibel.Die tägliche Kraftfahrzeug-Zahl schwankte zwischen 170 und 38 000.Ergebnis: Mit dem Lärm stieg, gemessen im Urin, der nächtliche Ausstoß an Streßhormonen.Bei Frauen, die sich stark und sehr stark bei Kommunikation und Schlaf gestört fühlten, lagen die Werte um bis zu 26 Prozent höher als bei anderen, die sich weniger beeinträchtigt fühlen. Chronisch erhöhte Streßhormone aber können arteriosklerotische Prozesse im Gefäßsystem fördern.Die Wissenschaftler Ising, Babisch, Günther und Kruppa schätzen das Risiko so ab: Die Sterblichkeit aufgrund verkehrslärmbedingter Herzinfarkte könnte "um ein Mehrfaches höher" sein als die Krebsmortalität durch verkehrsbedingte Luftverschmutzung.Würde man besonders laute Wohnungen "lärmsanieren", wäre jeder 50.Herzinfarkt in Deutschland "vermeidbar".

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