Berlin : 175 Jahre Mord und Totschlag

Spektakuläre Kriminalfälle haben die Geschichte der Berliner Rechtsmedizin geprägt

Dagny Lüdemann / Brigitte Reidinger

Wie die Notizen zu unzähligen Kriminalromanen lesen sich die Aufzeichnungen des Archivs des Berliner Instituts für Rechtsmedizin. Aber hier ist nichts ausgedacht. Von 1853 stammt der erste Eintrag: Der Schlächtermeister Ferdinand Warbeck wurde in seinem Keller erhängt aufgefunden. Zwischen den unbekannten Verstorbenen stechen immer wieder prominente Namen hervor. Otto Lilienthal zum Beispiel: Der Ingenieur war am 9. August 1896 mit einem selbst gebauten Flugapparat abgestürzt und erlag tags darauf seinen Verletzungen. Auch Hermann Rühmann, Vater des Schauspielers Heinz Rühmanns, ist hier registriert: Er hatte sich am 17. Oktober 1915 in seiner Wohnung stranguliert.

Tödliche Folgen hatte das Dreikaisertreffen von 1872, bei dem Kaiser Wilhelm I., Zar Alexander II. von Russland und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich in Berlin zusammenkamen. Aus diesem Anlass wurden Lustgarten, Schlossbrücke und Schlossfreiheit gewaltsam geräumt – zehn Menschenleben kostete die Aktion. Sieben davon landeten in der Rechstmedizin. Die Todesursache: Erdrücken.

Besonders eindrucksvoll sind die schriftlichen Zeugnisse politisch turbulenter Zeiten. Im Jahr 1919 sind die Leichen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ins Institut der Rechtsmedizin gebracht worden – neben zahlreichen weiteren Opfern der Revolution. So ließ am 11. März der Oberleutnant Otto Marloh mindestens 28 Matrosen der Volksmarinedivision erschießen. Sieben ins Institut eingelieferte Tote lassen sich dem Massaker zuordnen. In den 1940er Jahren zeichnet sich der Terror des Naziregimes in einer gehäuften Eintragung jüdischer Personen ab. Ein Beispiel ist das Schicksal von Martha Liebermann, Witwe das Malers und Grafikers Max Liebermann: Von den Repressalien in die Verzweiflung getrieben, nahm sie sich im Alter von 85 Jahren durch eine Überdosis Schlafmittel das Leben.

Vor genau 100 Jahren, am 26. September 1908, ereignete sich ein aufsehenerregender U-Bahn-Unfall. Zwei Züge waren am Gleisdreieck zusammengestoßen, so dass ein Waggon von der Hochbahnstrecke stürzte. 21 Menschen kamen zu Tode, 15 wurden im Institut untersucht. Die zunehmende Technisierung hinterlässt im Untersuchungsregister auch später noch Spuren: Bei Arbeiten zur Umstellung auf elektrische Beleuchtung ist 1926 eine Gasleitung beschädigt worden, was zur Explosion eines Wohnhauses führte – acht Tote.

Heute nicht mehr vorstellbare Folgen hatte der Lohnstreik von BVG-Angestellten im Jahr 1932: Bei schweren Ausschreitungen wurden ein Zollkommissar und ein Rohrleger erschossen.

Drei Jahre später ereignete sich ein Fall von grober Kindesvernachlässigung mit drastischen Konsequenzen. Zwei Kleinkinder waren tot in ihrer Wohnung gefunden worden. Die ermittelte Todesursache: Verhungern. Die Mutter wurde ein halbes Jahr später hingerichtet.

Manchmal erfolgt die Identifizierung von Toten erst viele Jahre nach ihrem Tod. 1994 zum Beispiel wurden die Überreste des Schauspielers Heinrich George genau bestimmt. Er war 1946 im sowjetischen Internierungslager in Sachsenhausen verstorben. Fast 50 Jahre später hatte man Teile seines Skeletts auf einem nahegelegenen Friedhof entdeckt.

Heute stehen zur Ermittlung der Identität von Leichen und der Klärung von Todesursachen weit zuverlässigere Methoden zur Verfügung als noch vor 20 Jahren. Die DNS-Analyse wurde in Deutschland erstmals Ende der 1980er Jahre angewandt – inzwischen ist sie Routine. Anders als die Pathologie befasst sich die forensische Pathologie mit der Klärung von nichtnatürlichen Todesfällen.

Am Freitag feierte die Berliner Rechtsmedizin ihr 175-jähriges Bestehen mit einem Festakt im Centrum für Anatomie der Charité. Das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin wurden 2004 zusammengelegt. Im Januar 2007 übernahm Michael Tsokos die Leitung beider Institute. In der Tagesspiegel-Kolumne „Professor Tsokos ermittelt“ schreibt er regelmäßig über aktuelle Fälle und die Arbeit mit Lebenden. Denn die Berliner Rechtsmediziner obduzieren nicht nur Leichen. In ihren Labors werden auch Vaterschaftstests gemacht oder Haarproben auf Drogen untersucht. Dagny Lüdemann / Brigitte Reidinger

Zum 175. Jubiläum ist das Buch „Das Universitätsinstitut für Rechtsmedizin der Charité 1833–2008“ von Ingo Wirth, Gunther Geserick und Klaus Vendura erschienen, Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 2008, 151 Seiten, 29,80 Euro.

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