175 Jahre Tierschutzverein Berlin : Second-Hand-Freunde fürs Leben

Ein ganzes Unternehmen kümmert sich jährlich um rund 10.000 heimatlose Schützlinge - ob Kampfhund, Hausschwein oder Bartagame. Heute feiert der Tierschutzverein Jubiläum – und wünscht sich mehr Zuschüsse.

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Neues Zuhause gesucht. Blick ins Katzenhaus des Berliner Tierheimes. Foto: IMAGO
Neues Zuhause gesucht. Blick ins Katzenhaus des Berliner Tierheimes.Foto: IMAGO

Eigentlich müsste Moritz bei der Jubiläumsgala am Montagabend im Friedrichstadtpalast der Star sein – und im Schweinsgalopp auf die Bühne kommen. Mit so viel Lebenslust und noch mehr Körperfülle macht der 300-Kilo-Eber gewichtig klar, wofür sich die Berliner Tierschützer seit 175 Jahren einsetzen. „Es geht uns um Empathie, um den Respekt vor der Würde aller Geschöpfe“, bringt es die Vorsitzende des Berliner Tierschutzvereins, TV-Moderatorin Ines Krüger, auf den Punkt.

Im Gründungsjahr 1841 standen dafür nur einige belächelte Idealisten. Heute ist der Verein die größte und älteste regionale Tierschutzorganisation Deutschlands und außerdem ein stattliches gemeinnütziges Unternehmen mit Spezialabteilungen bis hin zum Veterinär-OP. Europas größtes Tierheim in Hohenschönhausen-Falkenberg gehört dazu, es gibt rund 160 feste Mitarbeiter und 15.000 Mitglieder. Jahresetat: acht Millionen Euro. Grund genug für eine tierische Jubiläumsfete, bei der Popstars auftreten und die Macher die Historie Revue passieren lassen. Zeit für die Frage: Was geschieht aktuell in Sachen Tierschutz in Berlin?

Futuristisch. Das 2001 eröffnete Berliner Tierheim in Hohenschönhausen-Falkenberg. Foto: ddp
Futuristisch. Das 2001 eröffnete Berliner Tierheim in Hohenschönhausen-Falkenberg.Foto: ddp

Zurzeit versuchen die Tierschützer beispielsweise, den „massiv wachsenden Internet-Versandhandel mit Exoten und Hundewelpen“ zu stoppen. „Und wir erhalten auch immer mehr Anfragen von Kitas und Schulklassen“, sagt Ines Krüger. „Unsere Tierschutzpädagogen sollen mit ihren Begleithunden in den Unterricht kommen. Oder aber Schüler besuchen die kleine Farm unseres Tierheims.“ Dort lernen sie in den Ställen und Gehegen im Umgang mit Ziegen, Schafen, Schweinen, Kaninchen und Federvieh, „dass Tiere empfindsame Wesen sind“. Etwa von Moritz und Tinkerbell. Denn die beiden wären längst in der Wurst, hätte sie nicht der Tierschutzverein gerettet.

Kinder lieben die Schweine Moritz und Tinkerbell

Moritz, ein Exemplar der buntfleckigen Bentheimer-Hausschwein-Rasse, wurde schon als Ferkel auf der Grünen Woche unterm Funkturm ausgestellt. Sein Besitzer verschwand, er ließ Moritz dort zurück. Und Schwein Tinkerbell lief im vergangenen Sommer mit roter Papierschleife um den Nacken zum Spaß für Partygäste in einem Garten umher. Die Sonne knallte, Tinkerbell fand keinen Schattenplatz. Als Tierfreunde die junge Sau erlösten und nach Falkenberg brachten, hatte sie einen heftigen Sonnenbrand.

Kinder finden die beiden Schweine toll, streicheln über die pieksenden Borsten, hart wie Schrubber. In der Hütte nebenan erfahren sie etwas anderes. Der Raum ist erfüllt von schrillem Ferkelquieken aus Lautsprechern. Die Kinder drängeln sich, balancieren hier über Spaltböden. So muss es sich anfühlen, eingepfercht zu sein wie Tiere in konventionellen Mastbetrieben.

Freunde fürs Leben. Die Vorsitzende des Berliner Tierschutzvereines Ines Krüger mit Moritz und Tinkerbell. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Freunde fürs Leben. Die Vorsitzende des Berliner Tierschutzvereines Ines Krüger mit Moritz und Tinkerbell.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In Blickweite der Farm liegt der Tierfriedhof. „Tschüss, Bella!“ steht auf einem Grabstein. Oder: „Für immer . . . unser Blitz!“ Auf der anderen Seite des kleinen Bauernhofes sind mehrere Gebäude des Tierheimes zu sehen, futuristisch anmutend mit viel Sichtbeton. Es beherbergt drei Katzenhäuser, fünf Hundehäuser, das „Bugs Bunny-Haus“ für Kleintiere, ein Vogelhaus sowie die Auffangstation für Exoten und Reptilien. Um diese Arche Noah kümmert sich ein stattliches Serviceteam: bis zu 70 hauptamtliche Pfleger sowie viele ehrenamtliche „ Streichelpaten“ und Gassigeher, die einzelne Schutzbefohlene betreuen.

Blick auf die Jahresbilanz: Jährlich werden gut 10.000 Tiere aufgenommen, versorgt und vielfach weitervermittelt. Die Platznot ist dennoch akut. Ende November beherbergte das Heim 276 Hunde, 433 Hauskatzen, 238 Vögel, 63 Nagetiere, 47 Reptilien, 14 kleinere Affen und 62 zur ärztlichen Behandlung vorübergehend eingefangene Straßenkatzen. Das ist knapp an der Kapazitätsgrenze. Hunde bleiben im Durchschnitt 148 Tage, bevor sie als Zweite-Hand-Tier neue Liebhaber finden. Rasse-Exemplare meist etwas kürzer als Mischlinge.

Happy End für Staffordshire-Terrier Shrek

Das Nachsehen haben sogenannte „Listenhunde“ wie etwa American-Staffordshire-Terrier, Kampfhunde. Im Berliner Hundegesetz sind sie als „gefährliche Hunderassen“ aufgeführt; sie haben ein schlechtes Image. 448 Tage müssen sie durchschnittlich ausharren, ehe sie jemand haben will, manchmal auch viel länger. Zum Beispiel Shrek. Sechseinhalb Jahre hat der achtjährige Staffordshire-Mix abgesessen. „Shrek liebt Sofas, er bekam sogar eines in seine Box“, erzählt Tierheim-Sprecherin Annette Rost. In all den Jahren ist er seinen Pflegern ans Herz gewachsen. Und dennoch stießen sie vor ein paar Wochen freudig auf Shrek an, um ihn zu verabschieden. Das happy End: Eine Hundefreundin aus Hannover nahm ihn bei sich auf. Sie kommt gut mit ihm klar. „Das ist ein ruhiger, gelehriger Kerl“, sagt sie.

Warten ohne Ende? Sogenannte "Listenhunde" müssen sich besonders lange gedulden, bis sie ein neues Frauchen oder Herrchen finden. Foto: picture alliance / dpa
Warten ohne Ende? Sogenannte "Listenhunde" müssen sich besonders lange gedulden, bis sie ein neues Frauchen oder Herrchen finden.Foto: picture alliance / dpa

Shrek lief einst orientierungslos an einem U-Bahnhof hin und her. Polizisten brachten ihn als Fundsache in die Tiersammelstelle nach Falkenberg, das Fundbüro für alle ausgesetzten, wegen Tierquälerei beschlagnahmten oder einfach übrig gebliebenen Tiere. Eigentlich ist die Tiersammelstelle eine kommunale Pflichtaufgabe, aber bisher muss sie der Tierschutzverein Berlin (TVB) trotz vieler Proteste fast alleine finanzieren. Nur einen kleinen Betrag erstattet das Land Berlin zurzeit.

Höhere Zuschüsse scheinen jedoch dringend nötig. Bisher bezahlt der Verein seine gesamte Arbeit über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Tierpatenschaften oder Erbschaften von verstorbenen Tierfreunden. „Die Anforderungen aber nehmen wegen des boomenden Tiermarktes weiter zu“, sagt die Vorsitzende Ines Krüger. Als Beispiel nennt sie den Internethandel mit Exoten. Bartagamen, Eidechsen, kleine Schildkröten würden wie Markenartikel gedankenlos bestellt, in Kartons verschickt. Die Halter hätten keine Ahnung von deren artgerechter Haltung. Deshalb hat der Verein vor fünf Jahren ein Exotenhaus mit Klimaanlage eröffnet.

Auch der illegale Welpenhandel sei ein Riesenthema, sagt Krüger. Viel zu früh von der Mutter getrennte, oftmals kranke Junghunde würden von vermeintlichen Privatleuten im Netz billig inseriert, aber dann „von Händler-Banden an Autobahn-Parkplätzen übergeben“.

Tierschutzberaterin Rica Lenz holte 30 Katzen aus einer Wohnung

So viel „Ignoranz dem Leben gegenüber“ erleben auch die drei hauptamtlichen Tierschutzberater des Vereins nahezu täglich. Sie werden zu Fällen von Tierquälerei gerufen, helfen in der Stadt in Notlagen. Rica Lenz, 51, gehört zu ihnen. Sie ist gelernte Landwirtin, Markenzeichen: blonder Zopf. Seit zwölf Jahren ist sie dabei – und sie kann was erzählen. Jüngst musste sie einer Krähe helfen, deren Fuß im Spalt zwischen der Motorhaube und dem Kotflügel eines geparkten Wagens eingeklemmt war.

Kuscheln im Katzenhaus. Eine "Streichelpatin" in Aktion. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Kuscheln im Katzenhaus. Eine "Streichelpatin" in Aktion.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bei einer Zwangsräumung blieb ein Terrarium mit Kornnattern stehen. Rica Lenz nahm es mit ins Tierheim. Eng arbeitet sie auch mit der Katzenschutz AG des Tierheims zusammen. Deren ehrenamtliche Aktivisten betreuen rund 240 Futterstellen für frei lebende Katzen im Stadtgebiet, bringen kranke Tiere und Kater zur Kastration in die Veterinärklinik des Tierheims. Dort kommen die Tiere in einem Freigehege für Straßenkatzen unter, ehe man sie wieder aussetzt.

Manchmal hat Rica Lenz auch Einsätze, bei denen ihr Engagement nicht nur Tieren gilt. Letztens holte sie zusammen mit dem Amtsveterinär 30 Katzen „und zig Kleintiere“ aus einer kleinen Wohnung. Der Halterin, einer jungen Frau, die bei ihrem Mini-Zoo Trost suchte, war die Situation über den Kopf gewachsen. Schon zuvor hatte Lenz aus dem vermüllten Bungalow eines Tier-Messies sieben Katzen geborgen. „Diese Leute“, sagt sie, „sind ja nicht bösartig. Die brauchen selber Hilfe.“

Wer schnäbelt mit wem? Partnervermittlung für Papageien

Das Büro von Lenz und ihren zwei Kollegen liegt im Haupthaus des Tierheimes. „Die Zahl der hilfesuchenden Anrufe hat hier enorm zugenommen“, sagt sie. Wie gewöhne ich einen Hund ein? Was ist das beste Futter für Kaninchen? Solche Tipps erhält auch jeder, der sich im Tierheim einen neuen Schützling aussucht. Für maximal 250 Euro kann er ein veterinärärztlich gechecktes Tier mitnehmen, je älter es ist, umso günstiger der Preis. Wird ein chronisch krankes Tier adoptiert, stehen die elf Tiermediziner des Vereins zeitlebens für Gratis-Behandlungen bereit. Und für gesellige Graupapageien, die sich gerne lebenslang binden, gibt’s sogar eine Partnervermittlung. Man kann seinen einsamen Vogel in die Volière mit heimatlosen Tieren bringen. Schnäbelt er dann mit einem anderen, hat’s geklappt. Man kehrt mit einem Pärchen zurück.

Bei so viel Tierliebe ist der Verein bei seinem Jubiläumsfest im Friedrichstadtpalast auf alles gefasst. „Wir weisen darauf hin“, steht vorsorglich in der Ankündigung, „dass die Mitnahme von Tieren nicht gestattet ist.“

Mehr Infos zum Tierheim und zur Jubiläums-Spendenaktion: Tierheim Hohenschönhausen-Falkenberg

Demos, Hinterhof-Tölen, Hundeschlächter, Grenzgänger und ein Hühner-Hochhaus. Einen spannenden Rückblick auf 175 Jahre Tierschutz-Geschichte in Berlin finden Sie hier.

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