Berlin : 2. Lange Nacht des Shoppings: Charlottenburg: Neues aus dem Westen

Harald Olkus

Die City-West meldet sich zurück. Viel zu lange war nur von der historischen Mitte, dem Regierungsviertel, dem Potsdamer Platz oder den Clubs in Prenzelberg oder Friedrichshain die Rede, damit soll endlich Schluss sein. Der Osten ist passé, wir wollen unser beschauliches Charlottenburg wiederhaben, tönt es vielerorts. "Die Leute besinnen sich wieder zurück in die City-West", sagt Ines Wildhage, die Pressesprecherin des stilwerk Berlin in der Kantstraße. Auch sie sei kürzlich vom Prenzlauer Berg wieder nach Steglitz gezogen. "Der Osten war die ersten Jahre nach der Wende ganz spannend", sagt sie. Dort sprieße es zwar immer noch, "aber die Infrastruktur im Westen ist einfach besser." Durch die Straßen rund um den Savignyplatz weht für manche schließlich ein "Hauch der Bohème". Außerdem habe sich die City-West in den letzten sechs Monaten enorm nach vorne entwickelt, sagt Ines Wildhage. Die Besucherzahlen des stilwerk überträfen die Erwartungen und die "Lange Nacht des Shoppings" sei ein Zeichen, dass sich im Westen etwas tut.

Dass es eine "Lange Nacht des Shoppings" ist, die dort abgehalten wird und keine lange Nacht der Theater, Kinos oder Clubs kommt nicht von ungefähr. Schließlich ist die Gegend um Kudamm und Tauentzien seit Jahren unangefochten Berlins beliebtestes Einkaufsviertel. "Nicht nur vom Flächenumfang, sondern auch von den Umsätzen her ist die City-West mit weitem Abstand der Einzelhandelsstandort der Wahl für die Berliner", sagt Rolf Scheffler von Aengevelt-Research. Indikator dafür sind die Mietpreise für Ladenflächen. Am Kudamm kostet ein Laden mit 100 Quadratmetern bis zu 380 Mark pro Quadratmeter im Monat. In der Wilmersdorfer Straße und der Schloßtraße sind 230 Mark üblich. Die Friedrichstraße ist mit 210 Mark pro Quadratmeter im Vergleich dazu weit abgeschlagen.

Doch auch als Bürostandort will der Westen wieder verlorenes Terrain gutmachen. Denn gegenüber der historischen Mitte sind Charlottenburg und Wilmersdorf nicht einmal zweite Wahl. Im vergangenen Jahr entschieden sich nur fünf Prozent der Büromieter für eine Adresse in der City-West, die somit selbst vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg übertroffen wurde. "Hier spielt natürlich die Randlage zu Mitte am Checkpoint Charlie eine Rolle", sagt Rolf Scheffler. Grund für die Zurückhaltung der Büromieter sind aber auch die fehlenden Neubauflächen. "Die bietet derzeit nur das Kranzler Eck", sagt Scheffler. Der Stahl- und Glasbau des Architekten des Sony Centers, Helmut Jahn, ist gerade erst fertiggestellt worden und bietet 22 500 Quadratmeter Gastronomie- und Einzelhandelsfläche sowie 45 000 Quadratmeter Büros.

Doch damit will man sich in Charlottenburg nicht zufrieden geben. Um mit der stromlinienförmigen Konkurrenz mithalten zu können, unterzieht sich das Europa-Center gegenwärtig einer umfassenden Verjüngungskur. Das lange Zeit einzige Hochhaus im ehemaligen Westberliner Zentrum erhält nicht nur eine neue Fassade, sondern wird grundlegend modernisiert. Der Einkaufsbereich im Flachbau hat sein Face-Lifting bereits hinter sich. Mit einer neuen Haustechnik im Hochhaus will man qualitativ an den derzeitigen Bürostandard anknüpfen.

Für das alte Kudamm-Eck war eine Renovierung nicht mehr möglich. An seiner Stelle entsteht derzeit ein vom Architektenbüro Gerkan Marg und Partner entworfenes Gebäude mit einem runden Eck. Neue Büroflächen bietet es allerdings nicht, dort eröffnet die Swiss-Air-Tochter Swissôtel noch in diesem Jahr ein Hotel. In den unteren Geschossen ist Einzelhandel vorgesehen.

Noch weitere Projekte sind geplant. Manch einer spricht schon von einer ganz neuen Skyline rund um den Breitscheidplatz. Noch in diesem Jahr soll angeblich mit dem Bau des Zoofensters nach Plänen des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler begonnen werden. Auch die Tage des Schimmelpfeng-Hauses gleich nebenan an der Kantstraße sind gezählt. Es soll durch einen 120 Meter hohen Turm von Architekt Christoph Langhof ersetzt werden. Und auch die KapHag spricht davon, ihr Dachsegel auf dem "Kant Dreieck" um einige Stockwerke in die Höhe zu verlegen.

Auf dem C & A-Gelände an der Augsburger Straße soll ebenfalls ein Hotel entstehen und am Salzufer ist die "Spreestadt Charlottenburg" geplant, die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als "wichtigstes Stadtentwicklungsgebiet in der westlichen Berliner Innenstadt" angesehen wird. Vom Bauvolumen her soll es größer werden als alles, was sich bisher rund um die Gedächtniskirche abspielt. Mehrere Projektentwickler wollen auf dem ehemaligen Industriegelände an der schmalsten Stelle zwischen Landwehrkanal und Spree für 300 Millionen Mark ein neues Quartier für Wohnen und Gewerbe errichten.

Arbeiten im Ausgehviertel

Neue Flächen könnten die City-West für Büromieter durchaus wieder interessant werden lassen, sagt Rolf Scheffler. Auch jetzt schon prüften Großnutzer, die in die Hauptstadt ziehen, stets den Westteil der Stadt als Standortalternative zum Potsdamer- und Leipziger Platz, der Friedrichstraße oder anderen regierungsnahen Bereichen in Mitte. Zum einen, weil die Mieten in Charlottenburg um rund ein Drittel günstiger sind als in der City. "Zum anderen ist der Standort attraktiv für die Mitarbeiter der Unternehmen", sagt Rolf Scheffler. Einkaufen und Ausgehen direkt vor der Bürotür ist bequem.

Darüber hinaus wohnen die Vorstände der Lobbyisten und Beratungsunternehmen, die sich für den Standort interessieren, immer noch lieber in Zehlendorf oder Grunewald als in Studentenvierteln im Osten. Durch die "Lange Nacht des Shoppings" wird die City-West zwar nicht gleich zum bevorzugten Bürostandort Berlins werden, aber es ist immerhin gut für das Image. "Es kann nicht schaden, wenn sich das wichtigste Einkaufs- und Geschäftszentrum Berlins ins Rampenlicht stellt", meint auch Rolf Scheffler.

Aber kulturell muss die Gegend um den Kudamm darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten. Der Kinostandort Charlottenburg ist durch die Schließung mehrerer Lichtspieltheater mehr als angekratzt und die Lücke des Schiller-Theaters ist immer noch nicht geschlossen - und die meisten der beim jüngeren Publikum angesagten Bars und Clubs befinden sich in Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder in Mitte.

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