20 Jahre Einheit : Vom NVA-Offizier zum Versicherungsagenten

Detlef Weiner war baff, als die Mauer fiel - und wurde vom Soldaten zum Versicherungsagenten. Michael Beckord war Wessi und baute das Vertriebsnetz seiner Versicherung im Osten auf. Beide sehen sich als "Wossi".

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Detlef Weiner (l.) und Michael Beckord.
Detlef Weiner (l.) und Michael Beckord.Foto: Spiekermann-Klaas

Beckords Stimme erhöht ihre Spannkraft. Gerade ist das Thema Stasi dran. Damals, in der Wendezeit, waren die staatlichen Spitzel dabei, geräuschlos abzutauchen. Aus gut unterrichteten Kreisen war Beckord zugetragen worden, dass zum 1. Februar 1990 auf einen Schlag 400 neue Mitarbeiter bei der Staatlichen Versicherung der DDR eingestellt wurden. Diese Versicherung sollte Michael Beckord übernehmen, im Auftrag der Allianz, des größten Versicherungskonzerns der Bundesrepublik. Ende Januar hatte sich das Staatsministerium der DDR aufgelöst. Wie das nun mal üblich war in der DDR, zeigten sich die staatlichen Organe und Unternehmen gegenseitig sehr kooperativ.

„Die 400 habe ich gleich wieder rausgeworfen. Ich hatte einen Horror davor, dass unsere Kunden ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter jetzt als Vertriebler der Allianz wiedersehen und -erkennen“, erzählt Beckord, ein Freund klarer Worte. 1990 hatte sich der Wahlberliner mit Wurzeln in Hamburg und Bielefeld selbst zum Chef einer schnellen Allianz-Eingreiftruppe gemacht, die Verhandlungen mit dem DDR-Monopolisten für das Versicherungswesen aufnehmen sollte. Das „Team DDR“ bestand aus 15 Managern, die generalstabsmäßig Pläne für den Umbau der Staatlichen Versicherung ausgearbeitet hatten und im Wendewinter in West-Berlin eintrafen. Jeden Tag pendelte Beckord über die Heinrich-Heine-Straße zur Direktion der Staatlichen Versicherung in Mitte.

Später reiste er durch die gesamte Ex- DDR, um das Vertriebsnetz aufzubauen und neue Mitarbeiter zu schulen. Beckord erinnert sich vor allem an die Hitze in den Gebäuden und den Braunkohlegestank, wenn man die Fenster öffnete. „Die DDR war für mich schwer zu begreifen.“

Michael Beckord ist in dieser Geschichte der Wessi, Detlef Weiner der Ossi, obwohl sich beide lieber als „Wossi“ bezeichnen. Beckord kann gefährlich knurren und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn er möchte. Durch und durch Führungskraft. Bis 2010 leitete er die Region Nordost im Konzern, also die ehemalige DDR plus West-Berlin. Weiner spricht fließender, verkantet die Sätze seltener, fügt Relativierungen ein – „ich sag mal ...“.

Beide kennen sich seit Anfang der Neunziger und lassen nichts aufeinander kommen. An Beckord habe ihm von Anfang an „das Menschliche“ gefallen, sagt Weiner. Umgekehrt preist Beckord den Erfolgswillen der ostdeutschen Versicherungsagenten. „Da war der unbändige Wille, etwas zu erreichen. Und ein Hunger nach Ausbildung.“

Detlef Weiner war bis 1990 NVA-Offizier, zum Studium der Militärgeschichte an die „Militärpolitische Hochschule Wilhelm Pieck“ in Grünau abkommandiert. Dort verfolgte er die Demonstrationen in Leipzig und Ost-Berlin mit „gemischten Gefühlen“. Eine Direktive an die NVA-Studenten, sich freiwillig als Ordner zu melden, um die protestierenden Volksmassen in Zaum zu halten, löste heftige Diskussionen im Hörsaal aus. „Das wurde dann fallen gelassen.“

Mitten im Wendeherbst erhielt Weiner einen Anruf von seiner Einheit in Mecklenburg-Vorpommern, er möge sich doch zu ihnen durchschlagen, um gegen die „Konterrevolution“ zu kämpfen. Weiner fasste sich an den Kopf. Wo leben die denn? Soll das jetzt in einen blutigen Bürgerkrieg ausarten? Als die Mauer fiel und den Druck von der Staatsführung nahm, war der Offizier dann doch „baff“. Um die Konsequenzen zu verarbeiten, brauchte er fast ein ganzes Jahr. Im Oktober 1990 reichte Weiner sein Entlassungsgesuch bei der NVA ein und meldete sich zwecks Ausbildung in der Allianz-Geschäftsstelle Neukölln. Während Weiner einen Crash-Kurs in Versicherungsökonomie bekam, begann Beckord mit der schmerzhaften Strukturanpassung. In der Staatlichen Versicherung der DDR hatten 9 000 Menschen in der Verwaltung gearbeitet und 3000 im Außendienst. Dieses Verhältnis musste praktisch umgedreht werden. Gleichzeitig verlor West-Berlin seine Sonderrolle innerhalb des Allianz-Vertriebsnetzes, also gab es auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer Ängste und Misstrauen.

Allianzler aus West-Berlin wollten partout nicht in den Osten versetzt werden. „An den Ural? Nicht mit mir.“ Ost-Berliner Mitarbeiter trauten sich nicht mit dem Auto in den Westen. „Da ging es auch um Macht: Wer hat nun das Sagen?“ Die Wiedervereinigung in den Köpfen dauerte noch bis 1998. Damals zogen alle Allianzler in das neue Hochhaus am Treptower Park. Die Zentrale hätte auch in Wilmersdorf oder Tegel gebaut werden können, erzählt Beckord. Aber die Bezirksbürgermeister im Westen waren gar nicht begeistert von der Großinvestition. Einer nahm Beckord beiseite: „Wollen Sie sich das wirklich antun? Da bilden sich doch gleich Bürgerinitiativen gegen so was.“ Acht Jahre nach der Wende hatte die Allianz ihre Anlaufinvestitionen von zwei Milliarden Mark längst wieder eingefahren. „Erfolg muss man organisieren“, sagt Beckord, der Fuchs. Weil im Firmengeschäft nicht viel zu holen war im Osten, wurden private Rechtsschutzversicherungen verkauft. Die gab es in der DDR nicht. Inzwischen ist dieser Versicherungstyp im Osten verbreiteter als in einigen Alt-Bundesländern.

Detlef Weiner machte sich schon 1991 selbstständig. Eine aufreibende, aber auch „eine tolle Zeit“. Seine Agentur liegt knapp hinter der alten Mauerlinie in Mitte. Deshalb zählt er zu seinen Kunden Ossis wie Wessis. Und die Konkurrenz dazwischen, im anonymen Internet? Weiner beharrt auf seinen unschlagbaren Service. Und Beckord sekundiert: „Schon mal einen Schadensfall im Internet abgewickelt?“ Es klingt wie eine böse Prophezeiung.

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