20 Jahre Mauerfall : Grenzwertiges Gedenken in der Hauptstadt

Eine halbe Treppe Infobox und ein leuchtender Heliumpfeil, der durch die Stadt schwebt - auf den ersten Blick bleibt den meisten unklar, worum es geht. Kritiker halten dem Senat mangelnde Ernsthaftigkeit im Jubiläumsjahr des Mauerfalls vor.

Lars von Törne
Infobox Potsdamer Platz
Schaut auf diesen Platz: Von der Infobox aus blickt man auf das ehemalige Mauergebiet. -Foto: PetersIn

Für die einen ist es ein gelungener Versuch, ein ernsthaftes Thema spielerisch zu vermitteln. Für die anderen ist es ein peinlicher Patzer, albern und dem Ernst des Themas nicht angemessen. Die offiziellen Symbole für das im Auftrag des Senats organisierte Gedenkjahr zum 20. Jubiläum des Mauerfalls – eine rote Infobox am Potsdamer Platz sowie eine wandernde Infobox mit einem in der Nähe schwebenden roten Heliumpfeil – provozieren kontroverse Reaktionen.

Kritiker wie der CDU-Kulturpolitiker Michael Braun bemängeln, dass vor allem die kleine Infobox im neuen Stadtzentrum „die Brutalität der Mauer nicht deutlich macht“. Wenn heute Berliner und Touristen am Ort des ehemaligen Todesstreifens den Blick vom Dach des am Mittwoch eröffneten Containers über die Neubauten am Potsdamer und Leipziger Platz schweifen lassen, dann bekommen sie laut Braun kein Gefühl dafür, was die deutsche Teilung für die darunter leidenden Menschen bedeutete: „Die Mauer war kein erhöhter Gartenzaun.“

„Das hat Eventcharakter, was man durchaus kritisch sehen kann“, sagt auch SPD-Kulturpolitikerin Brigitte Lange. Allerdings hält sie es trotz persönlicher Skepsis für richtig, wenn so ein ernsthaftes Thema wie die Mauer und die Wiedervereinigung durch spielerische Aktionen vermittelt wird. „Vielen Leuten gefällt das, und wenn sie dadurch auf die vielen seriösen Veranstaltungen mit Zeitzeugen oder historische Ausstellungen hingewiesen werden, dann ist das gut.“

Für die Verantwortlichen des vom Senat organisierten Gedenkjahres sind Infobox und Heliumpfeil „eine bewusste Gratwanderung“, wie Moritz van Dülmen sagt, Geschäftsführer der landeseigenen Gesellschaft „Kulturprojekte Berlin“, die das bis in den November reichende Jubiläumsprogramm organisiert. Er betont, dass die Infobox und der wandernde Pfeil nur der Anfang eines umfangreichen Programms seien. Das aus seiner Sicht wichtigste Element wird die Ausstellung zu den politischen Umbrüchen 1989/90 sein, die im Mai auf dem Alexanderplatz eröffnet wird, erarbeitet von der Robert-Havemann-Gesellschaft.

Die Infobox und der schwebende Pfeil sollen ein breites Publikum neugierig machen, aber haben nicht für sich genommen den Anspruch, den Schrecken der Mauer umfassend darzustellen, sagt der Organisator. Auch, weil es beim Jubiläum ja um ein freudiges Ereignis geht, nämlich den Mauerfall: „Das ist ein Spagat zwischen Erinnern und Feiern.“

An der gesamten Mischung des Gedenkprogramms, das neben dem Senatsanteil auch Angebote diverser um die Geschichtsaufarbeitung bemühter Organisationen und der Bundesregierung beinhaltet, hat auch CDU-Kulturpolitiker Braun nichts auszusetzen. „Das ist eine gute Mischung einer Vielzahl von Programmpunkten. Die Frage ist nur: Mit welcher Ernsthaftigkeit vermittelt man das?“

Veranstalter van Dülmen ist zuversichtlich, dass die Symbolik der als Hingucker gedachten Infobox und des roten Pfeils mit der Zeit zunehmend nachvollziehbar wird. „Die Idee ist, dass Orte hervorgehoben werden sollen, die sich in den 20 Jahren seit dem Mauerfall besonders stark verändert haben.“ So werde die mobile Infobox samt in der Nähe schwebendem rotem Pfeil nach der derzeitigen Station nahe dem Marlene-Dietrich-Platz unter anderem zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, zur Museumsinsel oder zum neu gestalteten Viertel Helle Mitte in Hellersdorf wandern.

Dabei wird der 18 Meter lange Heliumpfeil ständig von zwei Mitarbeitern der Veranstalter gesichert. Allerdings nicht wegen der Angst vor möglichen Gegen aktionen oder Vandalismus, sondern vor allem zur Sicherheit: Bei starkem Wind holen die Wächter den Pfeil ein, damit er nicht außer Kontrolle gerät.

Eine ständig erweiterte Übersicht des Gedenkprogramms von „Kulturprojekte Berlin“ sowie anderen Veranstaltern gibt es im Internet unter www.mauerfall09.de

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