20 Jahre Nikolaiviertel : Geschichte wird gemacht

Aus dem altem Milljöh wurde die neue Mitte der Stadt: 1987 wurde das Nikolaiviertel fertig. Ein Spaziergang.

Lothar Heinke
Nikolaiviertel
Das Nikolaiviertel. Ein Touristenmagnet in Berlin. -Foto: Thilo Rückeis

„Lieba wat Jutet, aba dafür ’n bißken mehr!“ Soll Heinrich Zille gesagt haben. Steht mit Kreide auf einer Tafel über der Speisenfolge einer der zahlreichen Alt-Berliner Gaststätten mit Alt-Berliner Flair und Alt-Berliner Gerichten, also Eisbein, Blutwurscht mit Sauerkraut oder Boulette mit Senf. Ja, es heimattümelt, und warum auch nicht? Schließlich kommen die Leute von weit her ins Nikolaiviertel, um Berlins Altenteil zu bestaunen. Die Gegend rund um St. Nikolai, die älteste Kirche der Stadt. Und bevor sie das Gotteshaus, das heute ein Museum ist, verlassen, werfen sie rasch noch ein paar Abschieds-Cent in das offene Fundament der romanischen Basilika, in der einstmals die Kaufleute, Fischer und Handwerker, die ersten Bewohner von Cölln und Berlin, im 13. Jahrhundert gebetet haben.

Berlin ist jetzt 770 Jahre alt, aber das älteste Viertel mit seinen 40 000 Quadratmetern zwischen Fernsehturm, Spree und Dom, die Wiege, ist erst vor nunmehr 20 Jahren gebaut und fertig geworden. Irgendwie muss es die Staats- und Parteiführung der DDR gewurmt haben, dass sich fast jedes Nest im Lande eines historischen Altstadtkerns rühmen konnte, während die Hauptstadt an ihrem Geburtsort nicht viel mehr als eine kriegszerstörte Kirche vorzuweisen hatte. „Außer den Außenmauern von St. Nikolai standen da noch ganze fünf intakte Häuser, mehr nicht“, sagt Günter Stahn. Die Altstadt war weggebombt oder später abgeräumt, mit dem Areal an der Spree wusste keiner etwas anzufangen. Als der heute 68-jährige Architekt, mit dem wir über das Kopfsteinpflaster rund um St. Nikolai schlendern, 40 Jahre alt war, wurde ein Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes „Am Marx-Engels-Forum“ ausgeschrieben. Stahn kam, zeichnete und siegte gegen zwei Dutzend Konkurrenzentwürfe, einer hatte übrigens nicht mehr zu bieten als vier Wohnscheiben und eine Klubgaststätte.

„Ich hab das Viertel quasi nach Feierabend auf der Baustelle vom FEZ in der Wuhlheide entworfen“, sagt Günter Stahn – auch das Köpenicker Kinderparadies entstand auf seinem Reißbrett, ebenso der Berliner Dom auf dem Lustgarten als historischer Kontrast zum Palast der Republik. Günter Stahn hat zweimal den Nationalpreis bekommen. Auch heute noch spürt man den stillen Stolz, dass seine Rechnung von damals aufgegangen ist: „Das Besondere bestand darin, den historischen Bezug zum Gründungsort Berlins wiederherzustellen“, sagt er, „und die älteste Pfarrkirche wieder in einen städtebaulichen Rahmen zu fassen.“ Ein Edelstein wie die restaurierte Kirche sollte das passende Umfeld, die gebührende Fassung erhalten. „Die Urbanität der frühbürgerlichen Stadt wurde zum bestimmenden Leitbild des Architekten“, schreibt Stahn in seinem lesenswerten Wegweiser durchs Nikolaiviertel aus dem Berliner Wissenschaftsverlag, „aus einem Guß entstanden, hat das Nikolaiviertel nicht die Legitimität des allmählich Gewordenen und nicht das Bild ,malerischen’ Reizes im Sinn zufälligen Entstehens. Es stützt sich ohne jede romantische Verklärung der Vergangenheit rational auf die ursprüngliche Raumkonzeption und auf die Gestaltungsgesetze der historischen Stadt.“

1981 wurde der Grundstein gelegt, sechs Jahre später, zur 750-Jahr-Feier, war das Ensemble aus einem (Beton-)Guss fertig. „Wir hatten neben den Zwängen der Planwirtschaft und des industriellen Bauens diverse staatliche Normative zu beachten“, sagt der Architekt, dennoch stimmt ihn das um die 260 Millionen Mark teure neue Alt-Berlin auch heute noch froh. Weil es, vor allem von den Touristen, angenommen wird.

Vor 20 Jahren standen die Möbelwagen in den Höfen und Gassen mit dem Kopfsteinpflaster, das extra fürs Nikolaiviertel von anderen Ost-Berliner Straßen geopfert wurde. 1500 Mieter zogen in 800 Wohnungen mit unterschiedlich gestalteten Fassaden, denen man nicht immer ansah, dass sie aus vorgefertigten Teilen zusammengesetzt waren. Balkone und Ornamente, geschwungene Giebel, Handwerkerzunftzeichen, Gitter und anderer Zierrat gaben dem Ganzen ein Flair, das für den östlichen Teil der geteilten Stadt neu war. Manche sprechen bei dieser Kopie von Disneyland. Das hört der Architekt nicht so gern, „zwischen einer sachkundigen Wiederherstellung identitätstiftender Gebäude und einer populistischen Märchenwelt gibt es gravierende, sachliche Unterschiede“, sagt Stahn und spricht vielmehr vom unverwechselbaren Ambiente einer pulsierenden historischen Mitte.

Tatsächlich profitiert die Wiege Berlins heute vom Touristenboom: An lauen Sommerabenden war in dem Dreieck Nikolaikirche, Ephraimpalais und Spreeufer mit dem heiligen Drachentöter als Fotohintergrund kein Restaurantplatz mehr frei. In der Gerichtslaube gibt es als Beilage eine Lektion in Berliner Uralt-Historie, im (nachgebauten) „Nußbaum“ Heinrich Zilles Milljöh, um die Ecke den Pinselheinrich höchstselbst im eigenen Museum. Hier findet „det Berlinerische“ statt, „hier können sich die Besucher von den Glaspalästen in der Friedrichstraße und am Potsdamer Platz erholen und typisches Berliner Flair genießen“, sagt Steffi Pianka, die Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft Mitte. Die WBM ist gerade heftig in die Kritik geraten, weil sie ihrem Edelstandort Mieten verordnet hat, die über den Empfehlungen des Mietspiegels liegen. Mieter klagen vor Gericht, die WBM verweist auf die besonders schöne Lage.

„So ein Ort ist kein Denkmal, es unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel“, sagt der Architekt, und Geschäftsführer Udo Pape von den Spreeblick-Gaststätten spricht vom Umbruch, in dem auch dieses Viertel lebt. „Das hier war für den DDR-Bürger gemacht, der in die Hauptstadt fährt, um einzukaufen“, sagt der Gastronom, „aber nach der Wende kam deshalb niemand mehr hierher.“ Also gab es ein paar schwierige Jahre. Man musste sich etwas Neues einfallen lassen. Udo Pape hat achtsprachige Speisekarten drucken lassen, „the Birthplace“ wirbt auf einem Flyer mit „Schauen, Shoppen, Schlemmen“. Und die Historiker möchten dieses Areal gern zur Kulisse für ihre Aktionen machen. Wie letztens, als bei der Historiale alte deutsche Zünfte und französische Besatzer von 1807 zusammentrafen. Mummenschanz mit Resonanz: Da strömten tausende durchs Städtchen. Die Zukunft ist – die Vergangenheit. Lothar Heinke

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