Berlin : 200 000 Euro für Sinfonie von Mahler

Künstler-Handschriften werden heute versteigert

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Da sitzt der Dichter Henrik Ibsen am 18. August 1891 in seinem Haus in Kristiania und schreibt an eine Autografensammlerin: Werthes Fräulein, Gern erfülle ich Ihren freundlichen Wunsch, indem ich Ihnen diese Zeilen als Probe meiner Handschrift zusende. 115 Jahre später sitzt ein Kunsthändler aus Oslo im Prinzessinnensaal des Opernpalais und ersteigert das Brieflein für 550 Euro. Ist doch schön, wenn die Norweger wieder zurückkommen, sagt der Mann und so hatte jeder, der gestern die Autografen-Auktion des Antiquariats J. A. Stargardt verfolgte, seine Gründe, am stillen Wettstreit um Briefe, Gedichte, Zeichnungen und Noten Prominenter teilzuhaben. Vor allem Sammler, Antiquare und Museumsleute hielten ihre Kärtchen hoch, wenn sie sich für eins der 1250 Angebote interessierten. Vorn saßen Studenten mit Handys am Ohr, die ihrem Partner am anderen Ende die aktuellen Gebote flüsterten, um im entscheidenden Moment den Zuschlag zu erhalten. Oder auch nicht, wenn der Preis den Rahmen des Möglichen überschreitet, wie ein Sammler die Grenzen seiner Leidenschaft beschreibt.

Stefan Zweig nannte Autografen Lebensspuren, Blitzlichter bestimmten Augenblicks für dieses Besondere sei man durchaus bereit, beachtliche Summen aufzuwenden, sagt Wolfgang Mecklenburg, der als Versteigerer den Überblick über die Bietergemeinschaft im Saal behält, während eine junge Dame das jeweilige Objekt der Begierde zur Ansicht hoch hält. In einer Mappe liegt ein sechsseitiger Brief Franz Kafkas an Max Brod, der für 70 000 Euro erworben wird. Andere Preise sind harmloser, Brecht-Briefe an Helene Weigel kosten zwischen 400 und 850 Euro, ein signiertes Exemplar von Paul Celan steigt von 500 auf 2400 Euro, ein paar Zeilen Fontane sind einem Sammler 1300 Euro wert, zwei Zeilen Goethe 9000 Euro.

Heute ab 10 Uhr wirds noch einmal spannend. Am zweiten und letzten Tag der Auktion steht die Katalog-Nr. 848 auf dem Programm Gustav Mahlers zweiter Satz aus der Auferstehungssinfonie. Mindestgebot: 200 000 Euro. Lo.

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