Berlin : 25 000 Jugendliche suchen eine Lehrstelle

Die Arbeitsagentur verzeichnet steigende Zahl von Ausbildungsplätzen, aber Betriebe klagen über inkompetente Bewerber

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Die schlechte Nachricht zuerst: Laut Statistik der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg suchten am Stichtag 31. Juli genau 24 961 Jugendliche eine Lehrstelle. Und die gute: Es gibt in diesem Jahr mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr: 11 031 statt 9808. Die zusätzlichen 1223 Plätze sind fast alle betriebliche Lehrstellen.

Dafür lobt Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, die Arbeitgeber. Die Firmen hätten offenbar erkannt, dass sie sich selbst schaden, wenn sie nicht in den Nachwuchs investieren. Gleichzeitig stellte Möller aber heraus, dass es nach wie vor zu wenig Lehrstellen gebe. Die Klagen einiger Betriebe über nicht ausbildungsfähige Schulabgänger akzeptiert er nicht: „Jeder, der einen Schulabschluss hat, ist auch ausbildungsfähig.“ Es würden höchstens in einigen Bereichen „Defizite“ auftreten, die mit Hilfe unterschiedlicher Programme – von berufsvorbereitenden bis zu ausbildungsbegleitenden Maßnahmen – behoben werden könnten.

Darüber kann Rüdiger Wudtke nur müde lächeln. Seit drei Monaten sucht er einen Auszubildenden für seinen Textilreinigungsbetrieb. Es gebe kaum Rücklauf auf seine Stellenanzeige und die Jugendlichen, die sich vorstellten, fielen wegen Unpünktlichkeit oder ungepflegtem Äußeren durch. Ähnliche Klagen kennt man bei der Handwerkskammer aus vielen Betrieben. „Bewerbungsunterlagen voller Fehler, fehlende Umgangsformen, Unpünktlichkeit“, zählt Sprecherin Susan Shakery die häufigsten Patzer auf. Die Handwerkskammer vertritt 33 000 Betriebe mit knapp 15 000 Auszubildenden. Ein verbreitetes Problem sei außerdem, dass die Bewerber sich kaum über die Lehrstellen informierten.

Die Schulen haben das Problem erkannt und stärken gezielt fachliche und persönliche Kompetenzen ihrer Schüler. Siegfried Arnz, Hauptschulenverantwortlicher in der Bildungsverwaltung, sagte aber auch, dass es schwer sei, Jugendliche zu motivieren, wenn die Aussicht auf einen Ausbildungsplatz fast bei Null liege.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund schätzt Ausbildungsfachmann Daniel Wucherpfennig, dass fünf Prozent der Schulabgänger nicht ausbildungsfähig seien. Das entspreche in etwa der Zahl derjenigen, die an den vielen Qualifikationsmaßnahmen teilnehmen. Diese Zahl erfasse nur diejenigen, die sich überhaupt bemühten, viele täten das gar nicht erst.

Doch es gibt noch viele freie Lehrstellen: 4200 unbesetzte Azubi-Plätze sind bei der Arbeitsagentur gemeldet, was in vielen Fällen allerdings nur daran liegt, dass die Betriebe sich bisher nicht entschieden hätten. Auf der Homepage der Handwerkskammer sind 33 offene Lehrstellen verzeichnet. Dort ist auch der Gebäudetechniker Dieter Weihe aufgeführt, der zwei Elektroniker sucht. „Heute ist es nicht ganz einfach, gute Leute zu bekommen“, sagt Weihe. Auf seine Annonce habe es nur schleppenden Rücklauf gegeben. Susanne Retzios, die zwei Azubis als Kosmetikerinnen sucht, sieht die Verantwortung bei Eltern, die ihren Kindern keine Zielstrebigkeit mehr vorlebten.

Die Lehrstellensuchenden machen den größten Anteil der Arbeitslosen unter 25 Jahren aus. Deren Zahl beträgt knapp 35 000. Das sind 13,9 Prozent mehr als im Vormonat, aber 14,9 Prozent weniger als im Juli 2005. ari/lün/mne

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