25 Jahre Deutsche Einheit (9) : Warum Bryan Adams an Oberschöneweide glaubt

Das ehemalige Industrieviertel war nach der Wende so schmuddelig, dass Queen Elisabeth es nicht sehen sollte. Heute ziehen junge Familien hier her – und Bryan Adams investiert Millionen.

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Seit zwei Jahren gibt es das Café Schöneweile in dem ehemaligen Industrie-Standort der DDR.
Seit zwei Jahren gibt es das Café Schöneweile in dem ehemaligen Industrie-Standort der DDR.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nur weil an der Wand eine Blümchentapete klebt, ist das hier noch kein Szenecafé. Ganz gleich, ob Nele Jonca in Prenzlauer Berg aufgewachsen ist oder nicht. Von der Straße aus ist ihr „Café Schöneweile“ kaum zu erkennen. Klein, aus braunem Backstein gebaut, eingerichtet im Stil der 50er Jahre. Früher war es mal das Pförtnerhäuschen des Fabrikgeländes.

Nele Jonca ist 33 Jahre alt, seit zwei Jahren verkauft sie Kaffee und Kuchen und lädt freitags zum Lagerfeuer mit Suppe und Stockbrot. Erst war sie sich unsicher. Oberschöneweide. Was ist da schon los? Dann dachte sie an die Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft, die sich morgens, ganz müde, vom Wohnheim auf den Weg zum Hörsaal machen. Vorbei am Birkengarten und dem Café. Ihrem Café. „Vielleicht ist das eine gute Kundschaft“, dachte sie. Das erste Jahr wohnte sie noch in Moabit und saß täglich zwei Stunden im Auto. Im vergangenen Herbst ist sie in ihren neuen Kiez gezogen. Im Leben vor Oberschöneweide war sie Schauspielerin.

Nele Jonca mag den sozialen Mix. Sie hofft, dass er bleibt

Das mit den Studenten hat nicht so ganz geklappt, aber dafür kommen Familien zu ihr. Junge Eltern, die irgendwann eine größere Wohnung suchten und sich die Mieten in Friedrichshain und Neukölln nicht mehr leisten konnten. Zugezogene, denen die Straßen in den Innenstadtbezirken zu voll wurden. Zu viele Menschen. Zu viel Englisch. Zu viel Halli Galli. Zu Nele Jonca kommen aber auch die, die schon ewig hier leben. Die von früher erzählen und jammern, dass vor der Wende alles besser war. Verlorene, Trinker, gescheiterte Existenzen. Nele Jonca mag den sozialen Mix. Sie hofft, dass er bleibt.

Oberschöneweide war 100 Jahre lang ein Industrie- und Arbeiterbezirk, geprägt durch Unternehmen, die Großbuchstaben für sich sprechen ließen. 1890 nahm die AEG hier ihr erstes Werk in Betrieb. Zu DDR-Zeiten war Oberschöneweide mit KWO (Kabelwerke Oberspree), TRO (Transformatorenwerk Oberspree) und WF (Werk für Fernsehelektronik) der wichtigste Industriestandort Ost-Berlins. Tausende Arbeiter stiegen damals zum Schichtwechsel aus der Straßenbahn, der Feierabend fand in einer der zahlreichen Eckkneipen statt. Die berühmteste war die „Stumpfe Ecke“ in der Wilhelminenhofstraße.

Schon ’ne Weile. Nele Jonca hat vor zwei Jahren erst ein Café eröffnet – und ist dann in den Kiez gezogen. Sie hat es nicht bereut.
Schon ’ne Weile. Nele Jonca hat vor zwei Jahren erst ein Café eröffnet – und ist dann in den Kiez gezogen. Sie hat es nicht...Foto: Marie Rövekamp

Oberschweineöde. Naziprobleme. Schmuddelimage

Nach der Wende brach die Industrie zusammen. 25 000 Arbeitsplätze gingen verloren, in den Straßen herrschte Leerstand. Oberschöneweide machte seiner Verballhornung aus DDR-Zeiten alle Ehre. Oberschweineöde. Naziprobleme. Schmuddelimage. Als die Queen 1992 zu Besuch kam, wurde sie mit einem Schiff über die Spree nach Oberschöneweide gebracht. Das Protokoll wollte ihr den Anblick der Straßen ersparen.

Die neuerliche Zeitenwende begann 1995 mit der Umwidmung zum Sanierungsgebiet. 80 Prozent der Wohngebäude wurden bis 2007 erneuert. Zwei Jahre später eröffnete die Hochschule für Technik und Wirtschaft in einem Komplex aus gelbem Backstein den Campus Oberschöneweide. HTW, ein neues Buchstabenkürzel an historischer Stätte. Die Straßenbahn fährt immer noch, nur dass sie keine Arbeiter mehr in die denkmalgeschützten Hallen bringt, sondern Studenten. 9000 sind mittlerweile eingeschrieben, vor Ort gibt es ein Studentenwohnheim, ein zweites soll folgen.

Innerhalb von zwei Jahren stieg der Quadratmeterpreis um 2 Euro

So günstig, wie es mal war, ist Oberschöneweide schon lange nicht mehr. Als Nele Jonca vor zwei Jahren kam, lag der Quadratmeterpreis bei 5,50 Euro. Nach langer Suche zahlt sie heute 7,50 Euro. In den alten Hallen arbeiten immer mehr Künstler, ihre Zahl wird auf gut 400 geschätzt. Manche mieten ein Atelier, andere kaufen eins, und alle schwärmen sie vom inspirierenden Industriecharme.

Galerien und Ausstellungshallen eröffnen. Vor zwei Wochen fand auf dem Hof hinter dem Café Schöneweile ein Kunstflohmarkt statt. Im Sommer gab es wieder das Festival „Kunst am Spreeknie“. Mit 99 Künstlern, an fast 30 Standorten. Die Fashion Week lagerte eine Veranstaltung in die Industriehallen aus. Investoren wollen am Spreeufer teure Lofts bauen, mit Blick aufs Wasser. Die Reederei Riedel hat Oberschöneweide in ihre Spree-Rundfahrten integriert. Und vor zwei Jahren erregte der Musiker Bryan Adams Aufmerksamkeit: mit dem Kauf einer der denkmalgeschützten Reinbeckhallen. Vier gibt es davon, sie liegen zwischen Wilhelminenhofstraße und Spreeufer, jede knapp 80 Meter lang und 15 Meter breit. Bryan Adams will mehrere Millionen Euro investieren und aus seiner Halle ein „Lebens- und Kulturzentrum“ machen. Den Nachbarn hat er sich schon vorgestellt. Und bei Nele Jonca hat er Kaffee getrunken.

„hoffentlich lässt sich der Berliner Wandel hier etwas Zeit“

Wird Oberschöneweide hip? Nele Jonca sagt, sie habe das schon in Prenzlauer Berg gesehen und in Mitte und müsse es nicht unbedingt noch einmal in Oberschöneweide erleben, „hoffentlich lässt sich der Berliner Wandel hier etwas Zeit“. Ja, das macht er, und auch dafür sind die Reinbeckhallen ein Beispiel. Eine davon wollte sich Ai Weiwei vor vier Jahren kaufen. Bevor es so weit kam, hatte ihn das chinesische Regime unter Hausarrest gesetzt. Und als vor zwei Jahren die Strandbar Kiki Blofeld in Kreuzberg schließen musste, wagte der Betreiber Gerke Freyschmidt einen zweiten Versuch, ebenfalls in einer der Reinbeckhallen. Nach einem Sommer machte er dicht, gab die Schuld seinem Vermieter und den Ämtern. Die „Taz“ titelte: „Ende der Party: Wieder Schweineöde.“

Aber muss Ruhe gleich Öde sein? Nele Jonca mag es, in Oberschöneweide zu leben. Ihr gefällt die Langsamkeit, die Nähe zum Wasser und zur Wuhlheide, das Kino in den Spreehöfen. Nur manchmal, da vermisst sie ihren türkischen Supermarkt in Moabit. Es gibt zwar Döner und Asianudeln. Aber mal schön essen gehen, etwas Exotisches ausprobieren, das fehlt hier noch. Ein Biomarkt, der hier neulich eine Filiale eröffnen wollte, hat sich dann doch nicht getraut.

Und Touristen? Sind noch kein Problem. „Wenn, dann kommen sie mit einem festen Ziel“, sagt Nele Jonca. „Hierher verirrt man sich nicht einfach so.“

Alle Folgen unserer Serie zu 25 Jahren Deutsche Einheit finden Sie hier.

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