25 Jahre Deutsche Einheit : Als A-Team alle Vorurteile widerlegt

Journalistin (West) trifft Politiker (Ost): Aber Distanz zu wahren, gelang Bausenator Andreas Geisel und seiner Frau Anke nicht. Ein Paar der Deutschen Einheit.

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25 Jahre Einheit. Paare. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel und Frau Andrea.
25 Jahre Einheit. Paare. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel und Frau Andrea.Foto: Mike Wolff

Hier scheinen sich zwei noch ziemlich fremd zu sein: „Wasser mit oder ohne Kohlensäure?“, fragt Andreas Geisel seine Frau Anke, als sie am Besprechungstisch in seinem Büro Platz nimmt. Doch dann müssen sie beide lachen, der Stadtentwicklungssenator und die Journalistin: Ihm war nur die Standardfrage herausgerutscht, die er jedem Besucher stellt.

Anke Geisel stammt aus der Gegend von Hameln, Andreas Geisel wuchs im Ostteil Berlins auf. 1995 traf die Germanistin aus katholischem Elternhaus als Reporterin des „Berliner Abendblattes“ den neu gewählten, atheistischen SPD-Baustadtrat von Lichtenberg, um mit ihm über seine Pläne zu reden. Zunächst nur über die beruflichen. „Ein halbes Jahr sind wir umeinander herumgeschlichen“, erzählt der Senator. 1998 wurde die erste gemeinsame Tochter geboren, 2002 die zweite. Ob denn eine Ost-West-Familie 25 Jahre nach der Wiedervereinigung tatsächlich noch interessant sei, fragt Anke Geisel.

Nackenhaare stellten sich auf

Je länger sie überlegt, umso klarer wird ihr: Ja. Weil die erste gemeinsame Wohnung in Prenzlauer Berg war und nicht in Lichtenberg, wo die Bürger in den 1990ern freiwillig der PDS zur absoluten Mehrheit verhalfen. Weil sie ihre niedersächsische Herkunft als Lokalreporterin in Lichtenberg bewusst „nicht an die große Glocke gehängt“ habe.

Und weil sie noch lange nach der Wende spürte, „wie sich bei vielen Alteingesessenen die Nackenhaare aufstellten“, wenn sie von Frau Geisels kurzer beruflicher Station bei der Treuhandanstalt erfuhren, deren Arbeit viele Ostdeutsche als Plünderung empfanden.

Er hat alle Vorurteile widerlegt

Andreas Geisel tut der Blick zurück nicht weh. Seine Kindheit sei glücklich gewesen, sein Elternhaus „stand der DDR nicht fern“. Aber er erinnert sich daran, wie selbstverständlich man das zu Hause im Westfernsehen Geschaute in der Schule für sich behielt und wie die Mutter den Finger auf den Mund legte, wenn die Männer bei Gartenpartys laut die Politik diskutierten: „Psst, psst, die Nachbarn hören mit!“ Der beim Mauerfall erst 23-Jährige trug also weder die Nostalgie vieler plötzlich heimat- und arbeitslos gewordener DDR-Durchschnittsbürger noch die Wut der drangsalierten Bürgerbewegten in sich, sondern eher den Optimismus des Anpackers, den er bis heute ausstrahlt.

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Er mühte sich nicht ab als DDR-Erklärer, auf den sie ohnehin keinen Wert gelegt hätte. Anke Geisel sagt: „Wenn ich Vorurteile hatte, dann hat mein Ossi sie alle widerlegt.“ Sie schwärmt von seiner Weltgewandtheit, er von ihrem inspirierenden Sinn für Kunst und Kultur.

Diese Kombination war für beide anregend genug, um die unterschiedlichen persönlichen Herkünfte in den Hintergrund zu drängen. Bei Familie Geisel ist die deutsche Einheit seit Jahren vollendet – allem Anschein nach auf Augenhöhe. Sie wohnen jetzt gemeinsam in Karlshorst, das zwar im Osten liegt, aber vor allem schön und grün und familienfreundlich ist.

Ost und West seien für sie keine Kategorien mehr

Selten bleibt Zeit für gemeinsame Ausflüge wie jenen ins Asisi-Mauerpanorama am Checkpoint Charlie. Da standen der Supersenator und die Journalistin mit ihren nur dank des Mauerfalls geborenen Kindern und blickten auf die Mauer, die den Menschen einst so sehr im Weg stand, und kämpften mit den Emotionen.

Ihre Töchter fanden das Mauerpanorama auch ganz interessant – so als Geschichtsstunde halt. Ost und West seien für sie keine Kategorien mehr, sagen die Eltern übereinstimmend. Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel: Den dringenden Wunsch einer Tochter nach einem Smartphone habe er mit dem Hinweis beschieden, dass man in der DDR zehn Jahre auf einen Telefonanschluss warten musste, sagt Andreas Geisel. Das Kind verstand nicht so recht, was der Vater ihm damit sagen wollte.

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