25 Jahre Deutsche Einheit : Die Geschichte hinter dem Jubelbild

25 Jahre Deutsche Einheit - das sind vor allem Erinnerungen in Bildern. Lesen Sie hier die Geschichte eines historischen Fotos, die wir bereits zum 20. Jahrestag aufgeschrieben hatten.

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Rausch der Einheit. Vor 20 Jahren machte Barbara Klemm dieses Foto bei den Einheitsfeiern am Reichstag. Der junge Mann rechts von der Bildmitte ist Marc Wiederhold, der Schulfreund unseres Autors. Er war gerade erst zum Studium nach Berlin gezogen. Das Bild wurde zu einer der Ikonen der Wiedervereinigung.
Rausch der Einheit. Vor 20 Jahren machte Barbara Klemm dieses Foto bei den Einheitsfeiern am Reichstag. Der junge Mann rechts von...Foto: Barbara Klemm/Deutsches Historisches Museum

Es geht auf Mitternacht zu, als sich die Fotografin und der junge Mann begegnen. In weniger als einer Stunde werden die DDR und die alte Bundesrepublik Vergangenheit, Deutschland wieder ein Land sein. Den historischen Moment wollen beide aus nächster Nähe miterleben: Barbara Klemm, 50 Jahre alt und seit 20 Jahren Redaktionsfotografin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die in dieser Nacht eines der wichtigsten und meistverbreiteten Bilder ihrer Karriere schießen wird.

Und Marc Wiederhold, 22, der vor wenigen Tagen aus Lüneburg zum Studium nach Berlin gezogen ist und an diesem Abend unversehens zum lächelnden Symbol der Vereinigung werden wird. Bevor sich ihre Wege kreuzen, haben beide sich Schritt für Schritt nach vorne gekämpft, fast bis an die Ehrentribüne vor dem Reichstag. Das Gedränge ist fast unerträglich. Hunderttausende, vielleicht eine Million Menschen wollen den Moment feiern, wenn Deutschland offiziell wieder vereinigt ist.

Barbara Klemm hat sich im Getümmel einen Stehplatz vor dem Reichstag gesichert, direkt unterhalb der Absperrung vor der Ehrentribüne, neben dem Kamerateam eines Fernsehsenders. Ihrer Redaktion in Frankfurt hat sie gesagt: Ich will da hin! 20 Jahre lang hat sie Politiker mit der Kamera in wichtigen Momenten beobachtet. Ihre preisgekrönten Bilder, zum Beispiel die Aufnahme von Willy Brandt und Leonid Breschnew 1973 im Bonner Kanzlerbungalow, sind Klassiker des Fotojournalismus. An diesem Abend will sie die Gesichter von Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und Willy Brandt in genau dem Moment festhalten, wenn die Wiedervereinigung ausgesprochen wird. Und sie ist auf der Suche nach einem Foto, dem Foto, das das Besondere dieser Nacht einfängt.

Bevor sich die Prominenz auf der Ehrentribüne versammelt, lässt Klemm ihren Blick durch die Menge streifen. Durch den Sucher ihrer Canon-Spiegelreflexkamera sieht sie einen lächelnden jungen Mann direkt vor sich, den von schräg unten eine alte Dame skeptisch anschaut. Hinter ihnen drängen Menschen nach vorne, deren Gesichter durch Scheinwerfer und Silvesterraketen dramatisch beleuchtet werden, ein Lockenkopf klatscht mit erhobenen Händen. Über allem schweben schwarz-rot-goldene Fahnen.

Barbara Klemm spürt sofort, dass dies ihr Moment ist. „Die ganze Situation war voller Dynamik, es war unglaublich“, sagt sie heute. Gerade der Kontrast zwischen der alten Dame und dem jungen Mann elektrisiert sie, dazu die Gegenlichtsituation, die ganze Stimmung dieses einen Augenblicks. „Es war so, wie man sich so ein Revolutionsbild vorstellt“, sagt sie heute – wie bei Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“.

Marc Wiederhold hat in dem Moment schon ein paar ausgelassene Stunden hinter sich. Am frühen Abend hat er sich mit vier alten Schulfreunden aus Lüneburg am Tiergarten getroffen. Sie leeren die ersten Sektflaschen und staunen, wie viele Menschen auf den Beinen sind. Marc ist aufgekratzt: Er freut sich, in Berlin nach dem Abitur und dem Wehrdienst einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. In Pankow hat er ein Zimmer zur Untermiete gefunden, mit Kohleofen und ohne Warmwasser, nur Schritte vom einstigen Todesstreifen entfernt – für jemanden, der aus geborgenen Verhältnissen in einer westdeutschen Kleinstadt kommt, ein echtes Abenteuer. Und jetzt auch noch die historische Nacht im Zentrum dieser aufregenden Stadt im Umbruch.

Das Gedränge war unerträglich

Je näher Marc und seine Freunde dem Brandenburger Tor kommen, umso unerträglicher wird das Gedränge. Aus den Lautsprechern dröhnt „Freude, schöner Götterfunken“. Unter ihren Füßen knirschen die weggeworfenen Trinkbecher, sie werden geschoben, von Betrunkenen angerempelt und mit handwarmem Sekt bekleckert. Marc will nach vorne, so nah wie möglich an die Tribüne. So was erlebt man nur einmal, sagt er.

So kennen ihn seine Freunde: Muckel, wie sie ihn nennen, gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden. So ruhig und nachdenklich er oft ist, so gerne stürzt er sich auch manchmal ins Abenteuer. Also schiebt er sich weiter nach vorne, zusammen mit einem anderen Freund. Kurz danach hat die wogende Masse die beiden verschluckt. Schritt für Schritt schiebt Marc sich Richtung Reichstag, bis er an den Absperrungen vor der Tribüne ankommt. Hier steht er richtig. Wo sonst sollte man die Einheit feiern als in der ersten Reihe?

Zeitzeugin. Barbara Klemm, die als eine der wichtigsten Fotografinnen Deutschlands gilt, war von 1970 bis zu ihrer Pensionierung Redaktionsfotografin der „FAZ“, daneben erschienen ihre Bilder in vielen Büchern und Zeitschriften. Foto: ddp
Zeitzeugin. Barbara Klemm, die als eine der wichtigsten Fotografinnen Deutschlands gilt, war von 1970 bis zu ihrer Pensionierung...Foto: ddp

Da fällt Klemms Blick auf Marc und die Menschen neben ihm. Was die Fotografin sucht, ist der eine Moment, in dem „alles in einem Foto eingefangen ist“, wie sie sagt. Sie spürt, dass dies einer der Augenblicke ist, in dem es ihr gelingen kann, also drückt sie ein paar Mal auf den Auslöser. Und fängt Marcs Lächeln ein, das für ihn so typisch ist. So übermütig und doch auch sibyllinisch wie in diesem Moment hat Marc immer geguckt, wenn um ihn herum die Stimmung brodelte. Zum Beispiel bei der improvisierten Abifeier in der Lüneburger Innenstadt gut zwei Jahre zuvor, die von der Polizei aufgelöst wurde. Oder in den Nächten, in denen er mit seinen Freunden in Lüneburger Discotheken und auf Dorffesten rund um die Stadt bis zum Morgen gefeiert hat. Nachdem Klemm ein paar Bilder von Marc gemacht hat, dreht sie sich um und nimmt wieder die Ehrentribüne ins Visier.

Was aus dem Bild, das Klemm in diesem Moment aufgenommen hat, in den folgenden 20 Jahren werden wird, das ahnt in diesem Moment keiner der Beteiligten. Zahllose Zeitungen werden es nachdrucken, in etlichen Büchern wird es zu sehen sein. Und in Berlin wird es im Sommer und Herbst 2010 als Poster an Litfaßsäulen und auf dem Jubiläumsfest zum 20. Jahrestag am Brandenburger Tor hängen, es ziert Broschüren und ein fünf Meter hohes Stoffbanner am Zeughaus Unter den Linden – als Blickfang für die Ausstellung „Der Weg zur Einheit“.

Kurz nachdem Klemm den Auslöser gedrückt hat, werden die letzten Minuten des geteilten Deutschland mit dem Klang der Freiheitsglocke eingeläutet. Feiernde klettern auf Fahnenstangen, schwenken Fähnchen, immer wieder ertönen „Helmut, Helmut!“-Rufe, über den Köpfen der Besucher explodieren Raketen und Knaller im Sekundentakt. Kurz vor Mitternacht wird auf dem Platz der Republik die deutsche Fahne gehisst, aus Lautsprechern scheppert die Nationalhymne. Schließlich wird das Gedränge zwischen Brandenburger Tor und Reichstag vollends unerträglich. Krankenwagen mit verletzten oder ohnmächtig gewordenen Besuchern kommen nicht mehr durch. Ein Polizist schießt drei Mal mit seiner Pistole in die Luft, um die Massen zu stoppen, die über einen vor dem Reichstag gestürzten Kollegen zu trampeln drohen.

So sah der Mauerstreifen aus
Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die Hochhäuser der Leipziger Straße im Osten der Stadt zu erkennen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Berliner Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 183Foto: Sommer/Imago
07.06.2017 13:58Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die...

Dann stellt er sich einfach hinter Helmut Kohl

Kurz nach Mitternacht wird der Druck der Menschen vor der Tribüne so groß, dass Ordner einige Absperrungen öffnen, um zu verhindern, dass Menschen erdrückt werden. Marc und andere werden auf die gut zwei Meter hohe Tribüne gezogen, auf der sich inzwischen Hunderte geladener Gäste drängeln. Marc stellt sich forsch hinter Helmut Kohl, der in dieser Nacht als Kanzler der Einheit gefeiert wird und eine der wohl größten Stunden seines Lebens erlebt. Marc spricht Kohl an: Wie er sich denn gerade so fühle? Ob er in so einem Moment weiche Knie habe? Was Kohl geantwortet hat, daran kann sich keiner von Marcs Freunden mehr erinnern. Fest steht aber, dass Marc anschließend in Richtung Eingang schlendert, wo es keine weiteren Absperrungen oder Kontrollen gibt. Im Reichstag feiert er weiter, und irgendwann landet er an einem Tisch, an dem Theo Waigel und andere CSU-Größen feiern, die ihn zu einem Hefeweizen einladen.

Zu dem Zeitpunkt hat sich Barbara Klemm mit ihrer Kamera schon auf den Weg in die Dunkelkammer gemacht. Am nächsten Morgen werden ihre Abzüge per Kurier mit dem Flugzeug nach Frankfurt geschickt. Klemms Zeitung, die „FAZ“, wird das Bild von Marc und den anderen Feiernden am 4. Oktober abdrucken, darunter ein Bericht von den Einheitsfeiern aus Berlin, „der verzauberten Stadt“. Später wird das Foto noch einmal in der Tiefdruckbeilage „Zeiten und Bilder“ abgedruckt werden. Von da an taucht es immer wieder auf, wenn es um die Einheit und den 3. Oktober geht, in Büchern, Zeitungen, Ausstellungen.

Einheits-Symbol: Vor fünf Jahren warb das Zeughaus Unter den Linden mit diesem Foto für eine Ausstellung zur Wiedervereinigung.
Einheits-Symbol: Vor fünf Jahren warb das Zeughaus Unter den Linden mit diesem Foto für eine Ausstellung zur Wiedervereinigung.Doris Spiekermann-Klaas

Marc Wiederhold wird das nicht mehr erleben. Im Jahr nach der Wiedervereinigungsfeier zieht er nach Hannover, um dort sein Studium der Landschaftsplanung fortzusetzen. Mit Berlin war er nie so richtig warm geworden. Zweieinhalb Jahre nach der Einheitsfeier unternehmen er und ein Schulfreund mit einem gebraucht gekauften Motorrad mit Beiwagen eine Tour rund um Lüneburg. Auf einer Landstraße überholen die beiden jemanden in einer Kurve, ein Lastwagen kommt ihnen entgegen, sie können nicht mehr ausweichen – vorbei.

Unter den Fotos, die seinen Eltern geblieben sind, ist auch ein Abzug des Bildes aus jener Nacht. Sechs Jahre nach Marcs Tod haben sie die Fotografin zufällig getroffen, als sie zu Besuch in Berlin waren. Vor dem Kronprinzenpalais Unter den Linden entdeckten sie Klemms Namen auf einer Ausstellungsankündigung. Sie gingen hinein, entdeckten das berühmte Foto mit ihrem Sohn. Da kam ihnen die Klemm entgegen, die gerade einem Freund eine private Führung gab. Marcs Eltern sprachen sie an, tauschten gerührt Erinnerungen aus. Bis heute holt Marcs Mutter hin und wieder Klemms Ausstellungskatalog hervor und schaut sich das Foto ihres lächelnden Sohnes an.

Was in Berlin von der DDR übrig blieb
Am Bahnhof Lichtenberg vergammelt seit 1989 einer der letzten "ICE der DDR" - ein legendärer Zug. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von Überbleibseln der DDR in Berlin an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 154Foto: Henning Onken
21.06.2017 14:01Am Bahnhof Lichtenberg vergammelt seit 1989 einer der letzten "ICE der DDR" - ein legendärer Zug. Liebe Leserinnen, liebe Leser:...

Der Autor ist ein Jugendfreund Marc Wiederholds. Beide haben 1988 gemeinsam in Lüneburg Abitur gemacht und sind im Herbst 1990 zusammen zum Studium nach Berlin gekommen.

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