25 Jahre Mauerfall : Sturm auf das Weiße Haus von Ost-Berlin

Genau heute vor 25 Jahren musste die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin schließen. 131 DDR-Bürger hatten Zuflucht gesucht, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Die Atmosphäre war gespannt.

Christoph Sator
DDR-Bürger besuchen am 1989 die ständige Vertretung Bonns in Ost-Berlin.
DDR-Bürger besuchen am 1989 die ständige Vertretung Bonns in Ost-Berlin.Foto: dpa

Der Reflex funktioniert bei Franz Bertele noch. Sagt man „Botschaft“, wenn das Gespräch auf seine alte Arbeitsstätte in Berlin kommt, verbessert der 83-Jährige: „Ständige Vertretung“. Früher war das wichtig – vor allem für Bertele. Im Wendejahr 1989 war der Diplomat Bonns wichtigster Mann im anderen Deutschland. Offizieller Titel: „Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR“. Noch so eine Besonderheit: „bei“ der DDR, nicht „in“. Jeder Anschein sollte vermieden werden, die Bundesrepublik könnte mal die DDR als Staat anerkennen.

Vor genau 25 Jahren, am 8. August 1989, hielt sich Bertele jedoch am falschen Platz auf – nicht in der Hannoverschen Straße 28–30 in Berlin-Mitte, sondern im Sommerurlaub in Norwegen. Ohne Handy und Internet erfuhr er erst anderthalb Tage später, dass die „StäV“ wegen Überfüllung dicht gemacht worden war. Er reiste sofort zurück.

In dem schlichten Bürogebäude hatten nach und nach 131 DDR-Bürger Zuflucht gesucht, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Mehr ging nicht. Das „Weiße Haus“, wie es im Volksmund genannt wurde (im Unterschied zur Stasi, die von „Objekt 499“ sprach), war damals die erste westdeutsche Vertretung, die schließen musste – noch vor den Botschaften in Budapest, Prag und Warschau.

Die Ungewissheit nagte an den Nerven

Verglichen mit den Tausenden Flüchtlingen dort war es in der Hannoverschen Straße „noch fast idyllisch“, erinnert sich Bertele. Probleme gab es trotzdem. „Wir haben die Leute in einem Gartenpavillon untergebracht, der für Besuchergruppen vorgesehen war. Die Matratzen lagen auf dem Boden.“ Das Essen musste in West-Berlin besorgt werden, auch neue Kleidung. Im KaDeWe wurde einer von Berteles Leuten vom Hausdetektiv gestellt, weil er in großen Mengen Frauenunterwäsche gekauft hatte. „Die dachten, das sei ein Verrückter.“ Die Küche übernahm einer der „Zuflüchtigen“, ein gelernter Koch. Zum Zeitvertreib gab es Englischkurse und Skatunterricht.

Der Letzte macht das Haus dicht: Franz Bertele (r), Leiter der Ständigen Vertretung, schraubt am 03.10.1990 eigenhändig das Hoheitszeichen vor der Vertretung in Ost-Berlin ab.
Der Letzte macht das Haus dicht: Franz Bertele (r), Leiter der Ständigen Vertretung, schraubt am 03.10.1990 eigenhändig das...Foto: dpa

Bertele weiß noch, wie die Ungewissheit an den Nerven nagte. „Die Atmosphäre war gespannt. Allen war klar, dass auch die Stasi in der Gruppe vertreten war.“ Knapp einen Monat dauerte es, bis die Lösung stand: Die Fluchtwilligen mussten die Hannoversche Straße verlassen, in ihre Heimatorte zurückkehren und einen offiziellen Ausreiseantrag stellen. Im Gegenzug wurde ihnen Straffreiheit und anwaltliche Beratung zugesichert. Praktisch bedeutete das die baldige Ausreise.

Am Nachmittag des 8. September 1989 war das Gartenhaus der „StäV“ dann wieder leer. Für Besucher blieb die Vertretung geschlossen – offiziell wegen Renovierungsarbeiten. „Wenn wir das Rollgitter hochgemacht hätten, wären wir innerhalb von einer Stunde wieder voll gewesen.“ So machte die „StäV“ erst am Tag nach dem Fall der Mauer wieder auf.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der Vereinigung, schloss die Vertretung nach 16 Jahren endgültig ihre Pforten. Bertele schraubte das gelbe Amtsschild selber ab. Das Haus in der Hannoverschen Straße gehört heute zum Bildungsministerium. Auf Anmeldung kann man sich durch die denkmalgeschützten Räume führen lassen. (mit dpa)

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