25 Jahre Ossietzky-Affäre : Kinder der Revolution

Vor 25 Jahren flogen kritische Jugendliche in Pankow von der Carl-von-Ossietzky- Oberschule, wo sich auch die Töchter und Söhne der SED-Spitze auf ihre Karrieren vorbereiteten – ein Vorbote der Wende.

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Erinnerung im Vorbeigehen. Der Flur der Ossietzky-Oberschule, die heute ein Gymnasium ist. Foto: Frank Rothe/Visum
Erinnerung im Vorbeigehen. Der Flur der Ossietzky-Oberschule, die heute ein Gymnasium ist. Foto: Frank Rothe/VisumFoto: Frank Rothe / VISUM

Philipp Lengsfeld hat sein bübisches Lächeln behalten, auch als erwachsener Politiker, der er inzwischen ist. „Es war einfach so, dass wir Schüler den hohen Herrschaften in ihrem Vorgarten herumgetrampelt sind“, erzählt der 41-Jährige und lächelt, so bübisch wie der aufmüpfige Schüler, der er einmal war. Damals vor 25 Jahren, als ein paar Pankower Jungs und Mädchen die nicht nur im Osten Berlins inzwischen legendäre Ossietzky-Affäre auslösten. Mit einer Wandzeitung gegen Militärparaden schabten sie die Krusten des DDR-Schulsystems frei und versetzten sogar die Staats- und Parteispitze in Alarm. Denn an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Pankow bereiteten sich auch die Töchter und Söhne der Genossenbosse auf ihre Karrieren vor. Vier kritische Schüler flogen von der Erweiterten Oberschule, vier wurden umgeschult. Ein einmaliger Vorgang selbst in der DDR.

Die kleine Affäre, die schnell eine große wurde, trug sich zu in einer Zeit, in der nicht mal die härtesten Oppositionellen an eine friedliche Revolution in Ostdeutschland glaubten. Es war der Herbst vor jenem Herbst, der alle Leben veränderte. Der Herbst 1988, in dem schon vieles knisterte und knirschte, in der die SED nicht mehr nur in Nebensätzen in verzweifelten Einkaufsschlangen vor dem Gemüseladen madig gemacht wurde. Die Zeit, in der immer mehr kleine versprengte Gruppen ihre Stimmchen erhoben, lauter und lauter, und dabei merkten, dass sie gar nicht sprachlos sein müssen. Auch an der Ossietzky-Schule war es an der Zeit.

Appelle mit aufgereihten Klassen und aufgezogenen Fahnen waren Alltag in DDR-Schulen. Doch diese Versammlung auf dem knarrenden Parkett der herrschaftlichen Aula in der Görschstraße war ungewöhnlich. In der Pause nach der ersten Stunde mussten sich die 170 Schüler hufeisenförmig formieren. Der Direktor rief einige Abiturienten nach vorn und warf sie vor allen anderen hinaus. Aus der Tür, von der Schule, auf die Straße. Wegen „antisozialistischen Verhaltens“, „verräterischer Gruppenbildung“. Die sowieso verhasste Volksbildungsministerin Margot Honecker hatte dies persönlich angeordnet.

„Es wurden Kanonen aufgefahren, um auf Spatzen zu schießen“, erinnerte sich später Sabine Thieme, damals Englischlehrerin an der Schule und eine von wenigen Pädagogen, die sich überhaupt nach der Affäre äußerten. Wie das gesamte Kollegium schwieg auch sie damals zum Rausschmiss der Jugendlichen; nur ein Lehrer kam den isolierten Schülern zu Hilfe. Sabine Thieme beschreibt es so: „Die Überlebenstaktik in der DDR lautete leider: Maul halten!“

Die Elft- und Zwölftklässler der Ossietzky-Oberschule, die heute ein Gymnasium im aufstrebenden Familienbezirk Pankow ist, wollten ihr Maul nicht halten. An der Wandzeitung im Schulfoyer, die zwar „Speakers Corner“ hieß, aber nicht für offene Diskussionen gedacht war, sinnierten sie in selbstverfassten Artikeln über die Streiks in Polen und den Sinn von Militärparaden. Die Debatten sprachen sich auch an anderen Schulen in Pankow herum und mündeten schließlich in einer Erklärung. Darin wandten sich 38 Schüler gegen den obligatorischen Panzer- und Soldatenumzug zum DDR-Geburtstag am 7. Oktober 1988. Eine Unterschriftensammlung in einem Staat, in dem Schülerzeitungen nicht mal Umfragen zum Schulessen machen durften? Eine Machtprobe im Vorgarten der Macht? So empfand es auch der Sohn des stellvertretenden Staats- und Parteichefs Egon Krenz, Carsten: „Wir haben die Aktionen damals als politischen Angriff verstanden.“ Dass er seine Mitschüler an seinen SED-Papa verpfiffen habe, weist er bis heute zurück: „Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt im Urlaub.“

Sein damaliger Antipode Lengsfeld, Sohn der bekannten DDR-Oppositionellen Vera Wollenberger und nach dem Rauswurf zunächst Abwanderer nach England, sagt inzwischen: „Wer wem was gesagt hat, ist gar nicht mehr so wichtig.“ Viel gewichtiger, auch für die politische Bildung heute, sei das Aufzeigen des Systems hinter der Ossietzky-Affäre. Deshalb will Lengsfeld, der sich vom Aufständler zum CDU-Direktkandidaten für die Bundestagswahl im Wahlkreis Mitte gewandelt hat, mit den damals Beteiligten diskutieren. Heute Mittag treffen er und seine alten Mitstreiter bei einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft auf seinen ehemaligen Jugendrivalen Carsten Krenz.

Sie waren damals 16 oder 17, ein paar aufmüpfige Schüler in Pankow. Ihr Rauswurf löste Proteste im halben Land aus, vor allem auf Ost-Berliner Schulfluren. An der Ossietzky-Oberschule wurden derweil die Klassenkameraden unter Druck gesetzt, sich von den kritischen Schülern abzuwenden, sie aus der Jugendorganisation FDJ zu werfen, sie zu schneiden oder gar öffentlich zu schelten, wenn sie ihr eigenes Abitur nicht gefährden wollten. Erst nach dem Umbruch konnten manche der Schüler ihr Abitur nachholen – auch Philipp Lengsfeld. Der Rückkehrer aus England wurde am Ossietzky-Gymnasium zum Schulsprecher gewählt.

Wie weit geht Zivilcourage, wie nah geht Anpassung? Noch heute ist das ein gutes Unterrichtsthema. In der Pankower Ossietzky-Schule stand es damals an der Wandzeitung, angepinnt von ein paar Jugendlichen. Robert Ide
Heute ab 11.30 Uhr diskutieren Schüler von damals mit Marianne Birthler, einst Jugendreferentin im Stadtjugendpfarramt, über die Ossietzky-Affäre. Der Eintritt im Europasaal der Deutschen Gesellschaft (Voßstraße 22 in Mitte) ist frei.

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