Berlin : 30 Berliner Schulen beschreiten neue Wege in der Gewaltprävention

Die Erfahrungsberichte von Luzie Haller,Alda B

"Meistens hören sie auf uns", sagt Alda Barleben, "das hätte ich nicht gedacht." Die Zwölfjährige geht auf die Birken-Grundschule in Spandau und ist gelernte "Konfliktlotsin". Sie greift ein, wenn sich Mitschüler in die Haare kriegen. Sie ist die unparteiische Dritte, die sich alles anhört und dann versucht, eine einvernehmliche Lösung herzustellen. Oft wird diese Lösung sogar in einem "Vertrag" fixiert.

Die Birken-Grundschule ist eine von rund 30 Schulen in Berlin, an denen Lehrer und Jugendliche versuchen, neue Wege in der Gewaltprävention zu gehen. Schüler und Schülerinnen lernen in speziellen Kursen bei Konflikten einzugreifen und zu schlichten, damit Aggressionen nicht in Gewalt münden. Kinder, die zu "Konfliktlotsen" ausgebildet werden, werden von den Klassenlehrern ausgesucht, sagt die Pädagogin Luzie Haller von der Birken-Grundschule.

Seit zwei Jahren nehmen dort die Schüler die Schlichtung von Streitigkeiten selbst in die Hand. Haller bemerkt seitdem eine Klimaveränderung, einen "neuen Geist". Sie habe in ihrer Klasse so gut wie keine Gewaltprobleme mehr, sagt sie. Die täglichen Konflikte seien meist nicht prügelnde Sechstklässler, sondern Vorfälle, wie Mobbing oder gestohlene Stifte und bekleckerte Hosen, die den Klassenfrieden störten. Wenn die Schüler das nun untereinander regeln, sei das eine Entlastung, die aber auch "ein Stück Machtverlust" der Lehrer bedeute, sagt Luzie Haller.

Zwar hat die Zahl der polizeilich registrierten Gewaltstraftaten an Berliner Schulen 1998 im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel auf 375 zugenommen. Nach Einschätzung von Christine Burck vom Landeskriminalamt ist diese Entwicklung trotzdem "nicht besorgniserregend". Es handle sich um eine normale Kurvenbewegung. Viele Vorfälle fänden jedoch vor der Schultür statt oder würden erst gar nicht der Polizei gemeldet.

Nach Ansicht der Gewaltbeauftragten beim Landesschulamt, Bettina Schubert, ist die Zahl der Gewaltvorfälle, die von den Schulen gemeldet würden, in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben. Um einen Rückgang der Gewalt zu erreichen halte sie deshalb jeden Ansatz, mit dem die soziale Kompetenz von Schülern verbessert werde, für sinnvoll. Mit dem Konfliktlotsenmodell könnten die Schüler miteinander Lösungen entwickeln, "die ihnen besser entsprechen als Lösungen, die von Erwachsenen aufgedrückt werden".Die Erfahrungsberichte von Luzie Haller und Alda Barleben sind Teil eines Handbuches der "Berliner FrauenfrAKTION" mit dem Titel "Mischt euch da nicht ein! Mädchen und Jungen bearbeiten ihre Konflikte selbst. Ein Handbuch zu Trainingsangeboten in Berlin und Brandenburg". Es ist für drei Mark über die Telefonnummer 216 45 03 zu beziehen.

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