• 30 Jahre Selbsthilfe: Berliner Stotterer feiern - Ein Interview mit der Schwimmerin Anke Scholz

Berlin : 30 Jahre Selbsthilfe: Berliner Stotterer feiern - Ein Interview mit der Schwimmerin Anke Scholz

In welchen Situationen verhaspeln Sie sich?

Am Anfang stockt das Wort. Sätze geraten zum Hindernislauf. Wer die Hürden scheut, hält lieber den Mund. Stottern oder schweigen. Allein in Berlin und Brandenburg stolpern nach Schätzungen 80 000 Menschen über doppelte Konsonanten, stocken in Zungenbrechern oder bleiben länger als sie wollen an Vokalen hängen. Viele Stotterer versuchen knifflige Wörter zu vermeiden, weichen aus auf unverfängliche sprachliche Alternativen. Doch wenn die Scham den Redefluss diktiert, rückt das Gesagte oft vom Gemeinten ab. Da verlangt man in der Bäckerei schon mal vier Brötchen und wirft draußen eins weg - weil es eigentlich nur d-d-rei sein sollten. Erfahrungen wie diese lassen häufig verstummen vor der Angst, buchstäblich zu versagen.

Die Berliner Stotterer-Selbsthilfe, die heute ihr 30-jähriges Bestehen feiert, wirbt für einen offensiven Umgang mit dem Stottern. Dass diese "andere Art des Sprechens" kein Handikap für Erfolg und Anerkennung sein muss, beweisen prominente Stotterer wie Theaterregisseur Einar Schleef oder

Ex-Basketballprofi Henning Harnisch.

Anke Scholz (21) hat als Kind bereits gestottert. Die Schwimmerin vom Berliner TSC studiert Jura an der Humboldt-Universität und lebt in Friedrichshain. Nur knapp verpasste Anke Scholz während der Deutschen Meisterschaften am Sonntag die Qualifikation für die Olympischen Spiele.

In welchen Situationen verhaspeln Sie sich?

Ich habe schon als Kind gestottert. Schlimm war es früher in der Schule, wenn ich vorne vor der Klasse stand. In Stresssituationen, bei Vorträgen vor Publikum passiert es, also gerade dann, wenn ich am wenigsten stottern will. Heute gerate ich vor allem bei Fernsehinterviews ins Stocken. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt.

Wie reagieren andere auf Ihre sprachliche Eigenart?

Wenn ich im Satz hängen bleibe, versuchen die Leute, die nächsten Worte herauszufinden oder zu raten. Das nervt manchmal. Aber sonst habe ich keine negativen Reaktionen erlebt.

Haben Sie Strategien gegen das Stottern entwickelt?

Wenn ich Einkaufen gehe, lege ich mir die Sätze vorher so zurecht, dass ich weiß, die Wörter kriege ich flüssig raus. Das geht, aber ich muss es mir vorher überlegen. Weil ich oft vor bestimmten Wörtern hängen bleibe, habe ich diese Lücken lange mit Füllwörtern wie "also" oder "halt" überbrückt. Meine Therapeutin hat mir das aber abgewöhnt.

Warum?

Um einen besseren Umgang mit dem Stottern zu erlernen. Dazu gehört, es zunächst einmal zu akzeptieren. Das fällt schwer, denn zu stottern drückt das Selbstbewusstsein. Um das Sprachverhalten zu ändern, gibt es eine Reihe von Übungen, mit denen man sich andere Sprachformen aneignet.

Gehen Ihnen die Sätze bei öffentlichen Auftritten jetzt flüssiger über die Lippen?

Es ist schon viel besser geworden. Ich versuche mich stärker auf das Sprechen zu konzentrieren und gehe bewusster und viel ruhiger in Interviews vor der Kamera. Ich freue mich inzwischen sogar, wenn ich im Fernsehen sehe, dass ich flüssiger spreche.

Was raten Sie anderen Stotterern?

Sie sollten sich auf keinen Fall in die Ecke verkriechen, weil sie stottern. Ich fand die Arbeit der Selbsthilfegruppe sehr gut. Man lernt nette Leute kennen, geht abends zusammen weg. Rausgehen und reden.

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